FARZATHAMOR
 
 
 
 
 
                                                                          Tenothar und Eldar waren schon mehr als sechs Monde unterwegs. Jeden Tag marschierten sie ungezählte Meilen nach Osten. Sie hatten das Girgoloth Gebirge längst hinter sich gelassen und auch das Seenland und folgten nun schon seit geraumer Zeit dem Flusslauf der Myrna. Sie kamen gut voran und es blieben ihnen sogar Freiräume, die sie nutzten, um Eldars Fähigkeiten weiter zu verbessern. Er erlernte die Feindfühlung, die Blindscharade und einige andere nützliche Eigenschaften.
   Schließlich erreichten sie die Central Plains. Tenothar fühlte sich unbehaglich. Es war weniger ein körperliches Symptom, mehr ein schlechtes Gefühl. Eines Morgens hatte er es besonders eilig, von ihrem Nachtlager fortzukommen. Sie waren schon eine Weile gegangen, als er plötzlich stehen blieb und Eldar tief in die Augen sah. „Hör mir jetzt gut zu!“, sagte er nervös. „Was ich dir nun erzähle, ist ein Geheimnis und du musst mir schwören, dieses Wissen mit niemandem zu teilen!“
   „Was ist los, Vater? Stimmt etwas nicht?“ Eldar spürte die Unruhe in Tenothar.
   „Ich habe eine furchtbare Ahnung!“, sprach er völlig aufgewühlt. Das Entsetzen in den Augen seines Sohnes beachtete er nicht. „Also hör mir zu: In dieser Welt geschehen viele geheimnisvolle Dinge. Leider bleibt mir nicht die Zeit, sie dir alle zu erklären. Doch es gibt einige, von dem du jetzt erfahren sollst. Wie du weist, gehöre ich einem Geheimbund an. Der Name dieser Vereinigung lautet: Vidaria. Sie wurde nach dem Götterkrieg ins Leben gerufen. Unser Ziel ist es, eine alte Prophezeiung zu verhindern, welche die Göttin Arfgronith kurz vor ihrem Tod heraufbeschworen hat. All ihr Streben galt den Drachen. Sie zu befreien, war ihr hehres Ziel. Doch das darf niemals geschehen. Denn, wenn sie freikommen, wird Naruun untergehen. Die Götter wussten das, aber sie war blind für all ihre Warnungen und beschwor den furchtbarsten Krieg herauf, den die Welt je erlebt hatte. Sie nahm in Kauf, dass ganze Völker der Elben ausgelöscht wurden. Nur der Tod konnte sie in ihrem Wahn stoppen. Wie wir aber aus sicherer Quelle wissen, lebt ihr Geist in Naruun weiter fort. Sie sucht seit dem nach dem Einen, der ihren Zwecken dienen könnte.
   „Kheanor Kiramorn“, hauchte Eldar ehrfürchtig.
   „Oh nein. Nicht ihn, sondern sein Sohn, Andrahil Anthanor!“
   „Der König hat einen Sohn?“
   „Ja. Aber es führt jetzt zu weit, wenn ich dir erkläre, warum niemand von ihm weis. Denn leider war sie bei ihrer Suche erfolgreicher als wir. Sie hat ihn gefunden. Wir wissen es, denn die Drachen regen sich äußerst aktiv in den Katakomben, die sie gefangen halten. Aus diesem Grund spielt auch die Erde und das Wetter verrückt.“  
   „Bei den Göttern“, rief Eldar entsetzt aus. „Man muss sie aufhalten!“
   „Das ist nicht so einfach. Denn wir wissen nicht, wo sie ihn versteckt hält. Doch selbst wenn wir das wüssten, könnten wir doch nichts tun. Sie ist eine Göttin und er der Sohn Kheanor Kiramorns. Diese Beiden kann man nicht aufhalten. Sie verfügt noch immer über die Macht der Stimme und Andrahil Anthanor besitzt die Fähigkeiten seines Vaters. Wenn er nach Athrusa marschiert und ihm das gleiche gelingt wie Kheanor, dann wird er Morokan töten und der Weg ist frei für Arfgronith.“
   „Warum tun die Götter nichts?“
   „Dafür müssten sie auf die Erde kommen. Doch Morokan hat die Spitze des Starspear gekappt und somit ist das nicht möglich.“
   „Warum hat er das nur getan?“
   „Um den Göttern die Welt für immer zu verschließen. Er will Naruun für sich allein. Dabei geht es ihm nur um Macht. Leider ist der Schaden am Starspear nur von Athrusa aus zu beheben. Doch Morokan lässt kein sterbliches Wesen auch nur in die Nähe seiner Stadt. Keiner kann ihn besiegen, denn er ist mächtig und gefährlich. Nur einer konnte es bisher mit ihm aufnehmen. Doch wie du weist, ist Kheanor Kiramorn verrückt geworden, nachdem er sein Weib Queenara verloren hatte.“
   „Deshalb also hoffte man auf Hilfe von seinem Sohn!“
   „So ist es. Doch nun ist er in den Fängen Arfgroniths und für uns verloren. Es gibt nur noch eine Möglichkeit, den Untergang Naruuns zu verhindern. Wir müssen vor Andrahil Anthanor in Athrusa sein, Morokan vernichten und den Schaden am Starspear beseitigen. Dann ist der Weg der Götter wieder offen und gemeinsam können sie sich dann gegen Arfgronith und Andrahil stellen. Doch dafür benötigen wir die Hilfe von Kheanor Kiramorn. Er ist unsere letzte Hoffnung!“
   „Aber er ist doch verrückt.“
   „Besser mit einem Irren den Untergang der Welt verhindern, als gar nicht. Leider gibt es noch ein weiteres Problem! Kheanor Kiramorn ist verschwunden. Um ihn zu finden, benötigen wir die Hilfe von zwei mächtigen Vereinigungen: der Merasigh und des Ordens der Göttin Athaine! Die einen beherbergen eine Priesterin mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und in der Obhut der anderen befindet sich ein Buch, das uns weiter helfen könnte.“
   „Ein Buch?“
   „Ja fürwahr. Aber es ist kein Gewöhnliches. Wenn du es aufschlagen würdest, könntest du nur unbeschriebene Seiten sehen. Aber sie füllen sich ständig mit den Gedanken Kheanors. Leider kann nur eine einzige Elbin sie lesen. Diese Priesterin, die ich bereits erwähnt habe. Nur sie ist in der Lage herauszufinden, wo sich der König aufhält und nur sie kann uns den Weg zu ihm weisen.“
   Ein grollendes Geräusch schreckte die Beiden aus ihrer Unterhaltung auf. Die Augen Tenothars flackerten. „Schnell fort von hier“, rief er Eldar zu und sie begannen zu rennen. Doch das Brüllen kam näher.
   „Was ist das?“, rief Eldar.
   „Ein Farzathamor!“, keuchte Tenothar. „Eines der finsteren Wesen, die Arfgronith gegen die Götter ins Feld geführt hat. Tödlicher, als alles was dir bekannt ist.“ Plötzlich blieb Tenothar stehen. „Es hat keinen Sinn. Ich muss mich der Gefahr stellen.“
   „Wieso du? Wir werden es gemeinsam tun!“
   „Nein! Du nicht. Einer von uns muss Miolan erreichen! Das Schicksal Naruuns hängt davon ab. Hier nimm das“, sprach Tenothar und riss sich eine Kette vom Hals. Ein goldener Siegelring kam zum Vorschein, auf dem Zeichen der Vidaria prangte. Ein verschnörkeltes V. Sprich über das, was ich dir gesagt habe, nur mit Elben, die den gleichen Ring besitzen.“
   „Ich gehe nicht ohne euch“, schrie Eldar.
   „Du musst. Einen Farzathamor können wir beide nicht bezwingen. Doch ich kann ihn eine Weile beschäftigen. Genug Zeit für dich, um von hier zu verschwinden. Hier!“ Tenothar zog ein gefaltetes Papier aus seinem Mantel. Du wirst sie wiedererkennen, die Karte, die du schon einmal bei mir gesehen hast. Verwahre sie gut und zeige sie niemandem. Sie wird dir helfen, den rechten Weg zu finden. Außerdem sind darin Orte verzeichnet …“ Ein Brüllen zerriss die Luft und der Farzathamor preschte auf die Lichtung. Tenothar zog sein Schwert. „Geh jetzt!“, schrie er Eldar entgegen und warf ihm den Ring zu.
   „Nein!“, wiedersprach sein Sohn und riss seinen Bogen von der Schulter. Einen Pfeil nach dem anderen schickte er aus. Doch sie prallten wie Grashalme am mächtigen Leib des Farzathamor ab. Er zog ebenfalls das Schwert, seinen Blick starr auf das Ungetüm gerichtet, dass sie beide mit pechschwarzen, funkelnden Augen musterte. Der Farzathamor war ein riesiges Tier mit Klauen aus finsterstem Erz und einer ledrigen Haut, so dunkel wie die Nacht selbst. Sein dornenbesetzter Schwanz peitschte wütend die Luft, während er die Witterung der beiden in seine blutroten Nüstern sog. Schleimiger Geifer troff aus seinem Maul hinter spitz aufragenden Reißzähnen hervor. Er stieß nebligen Atem aus, der faulig roch, wie die Sümpfe, aus denen er stammte. Eldar verspürte keine Furcht.
   „Geh“, schrie Tenothar noch einmal. „Wenn du es nicht tust, wird der Farzathamor uns beide töten!“ Dann machte er einen Ausfallschritt nach vorn und griff das Ungeheuer an.
   Eldar fühlte sich erbärmlich, von seiner Pflicht und der Angst um den Vater hin und her gerissen. Tenothar wollte, dass er ging, doch wenn er das tat, dann überließ er ihm den Tod. Das konnte er einfach nicht tun. Er stürzte sich ebenfalls auf die Bestie. Nach wenigen Augenblicken wurde auch ihm klar, dass sein Vater recht hatte. Den Farzathamor konnten sie unmöglich besiegen. Durch das ohrenbetäubende Heulen hindurch hörte er noch einmal die Stimme seines Vaters: „Rette dich, mein Sohn und wirf dein Leben nicht fort. Dafür habe ich dich ausgebildet. Das ist die Herausforderung, die du dir gewü…“ Die Bestie fletschte seine Reißzähne und brüllte wie von Sinnen auf, als Tenothar sein Schwert in das Fleisch der riesigen Schenkel schlug. Die Geräuschkulisse verschluckte die letzten Worte seines Vaters. Doch das grauenhafte Ungeheuer war getroffen und neue Hoffnung auf einen Sieg beflügelte ihn. Er attackierte den Farzathamor, wo er nur konnte und trat bald in einer Lache von schwarzem Blut umher. Immer und immer wieder rammte er sein Schwert in das Ungeheuer. Doch der Farzathamor wurde nicht schwächer. Sein Schwanz wirbelte herum und traf Eldar. Er strauchelte.
   „Geh jetzt!“, hörte er plötzlich Tenothar schreien. „Er wird uns beide töten, wenn du nicht gehst!“
   „Ich kann nicht“, brüllte Eldar zurück, erhob sich und nahm erneut den Kampf gegen die Bestie auf.
  
***
 
   Als Eldar erwachte und die Augen öffnete, nahm er den Wald nur verschwommen wahr. Es dauerte eine geraume Weile, bevor er wieder klar sehen konnte. Seine Glieder schmerzten und er schmeckte Blut auf seinen Lippen. Nur mühsam konnte er sich erheben. Was er dann sah, ließ ihn den Atem stocken. Er stand knöcheltief in einem riesigen See schwarzen Bluts und inmitten dieses Bluts lag blutüberströmt Tenothar. So schnell Eldar seine Füße durch den Morast trugen, lief er zu ihm hinüber und fiel vor ihm auf die Knie. Trotz des schrecklichen Zustands, in dem sich Tenothar befand, lebte er noch. Doch sein Atem ging röchelnd.
   „Vater“, rief Eldar und nahm seine Hand.
   Mühsam öffnete Tenothar seine Augen. „Den Göttern sei Dank, du lebst!“, brachte er stockend hervor. „Doch du musst gehen. Er wird schon bald wieder kommen!“
   „Der Farzathamor?“, flüsterte Eldar.
   „Ja!“
   „Ich gehe nicht ohne dich!“
   Tenothar rang sich ein Lächeln ab. „Schau mich doch an. Wohin werde ich noch gehen können?“
   „Dann trage ich dich!“
   „Sei vernünftig!“, flüsterte Tenothar. „Meine Zeit ist gekommen in die ewigen Gefilde überzugehen!“
   „Dass lasse ich nicht zu. Du wirst leben. Wir werden beide …“
   „Nein! Es ist zu spät.“ Tenothar bäumte sich vor Schmerzen auf und Eldar stützte ihn. Fast nicht mehr hörbar, flüsterte er: „Aber mein Herz wird dir noch einen letzten Dienst erweisen! Du must genau das tun, was ich dir sage. Versprich es mir!“
   Eldar rannen die Tränen aus den Augen. „Versprich es mir“, keuchte Tenothar.
   „Ja, du hast mein Wort.“
   „Nimm die Karte. Du wirst sehen, ganz in der Nähe sind Felsen eingezeichnet. Dort befindet sich ein uralter Schrein der Arfgarens.“ Tenothar konnte kaum noch sprechen. „Es ist ein Portal. Durch die Macht des Blutes kannst du Raum und Zeit überwinden. Kurinur Takaarthar heißt der Ort, zu dem zu reisen musst. Die Formel für die Beschwörung steht auf der Rückseite der Karte. Sie ist in altelvisch verfasst. Sprich den Text sobald du den Altar erklommen hast. Aber du brauchst noch etwas für diese Reise: ein schlagendes Herz. Nimm meins! Es wird pulsieren, so lange es nötig ist.“
   „Das kann ich nicht tun!“
   „Doch du hast es mir versprochen. Es ist die einzige Möglichkeit, dem Farzathamor zu entkommen.“ Mit letzter Kraft tastete Tenothar nach seinem Dolch und reichte ihn Eldar mit zittriger Hand. „Tue es jetzt, mein Sohn!“ Er lächelte matt.
   Eldar schrie sich seinen Schmerz von der Seele. Sofort antwortete ihm das Brüllen der Bestie. Sie war nicht weit entfernt. Der Dolch bebte in seiner Hand. Er spürte plötzlich, dass seinen Vater die letzten Kräfte verließen.
   „Jetzt“, hauchte Tenothar und schloss die Augen.
   „Ich liebe euch, Vater“, flüsterte Eldar ihm leise ins Ohr. „Wir sehen uns auf der anderen Seite des Lichts wieder!“ Dann stach er zu.