PROLOG
 
DIE GILDE DER SHIOMANI
 
 
 
                                                           Am Anfang war Dunkelheit. Dann wurde die Sonne aus Staub und Asche gezeugt. Sie hatte viele Kinder, aber nur eines liebte sie besonders. Sie schenkte ihm mehr als allen anderen Licht und Wärme und stellte ihm zwölf Wächter an die Seite, die es beschützen sollten.
   Das Kind, das die Sonne liebevoll Midgard nannte, wuchs und gedieh. Berge und Meere entstanden, Bäume und Blumen begannen sich in das Azurblau des Himmels zu recken. Die Wächter waren wachsam und pflegten Midgard. Viele Jahrtausende vergingen und den Wächtern wurde ihre Aufgabe eintönig. Eines Tages, als sie am Strand spazieren gingen, fanden sie zwei angeschwemmte Baumstämme, eine Esche und eine Ulme. Aus diesen schufen sie das erste männliche und weibliche Wesen. Odin, der höchste der Wächter, hauchte ihnen den Lebensatem ein, Vili gab ihnen Gefühle und Verstand, Vee Gehör und Sprache. Als Wohnort wurde ihnen Lothian am Fuße des Nebelgebirges zugewiesen. Ein besonders fruchtbares Land, immer wohlig gewärmt von Mutter Sonne. Rasch vermehrten sich die beiden und schon wenige Jahrhunderte später, waren sie zu einem kleinen Volk herangewachsen. Sie huldigten den Wächtern, die sie in ihrer Sprache die großen Götter nannten und brachten ihnen reiche Gaben, die Früchte ihres Handels. Die Götter selbst hatten viel Freude an diesen winzigen Wesen. Sie verfolgten genau, wie sich diese Kleinen, die sie liebevoll Elben nannten, immer weiter entwickelten und erfreuten sich an ihrem Bestreben. Lediglich Ymir war eifersüchtig. Er wollte ein eigenes Volk besitzen. Und so schnitzte er aus den Ästen des Weltenbaums kleine Wesen, die er zunächst in den Tiefen des Wintergebirges versteckte. Es waren fleißige und geschickte Erdarbeiter, die mit Freude, die Rohstoffe des Berges brachen und wundersame Dinge herstellen konnten. Er bat die Wesen, die er Zwerge nannte, prächtige Geschenke für den Gottvater und die anderen Wächter zu schaffen. Als sie ihre Arbeit beendet hatten, verhüllte er die Geschenke in feinem Tuch. Dann bat er das Oberhaupt der Erdsippe ihn auf seiner Reise zu den Göttern zu begleiten und versteckte ihn in seiner linken Jackentasche. Vor den Toren Asgards angekommen, schnaufte er aufgeregt und betrat schließlich die heiligen Hallen. Er kniete vor dem Thron Odins nieder und überreichte ihm feierlich das siegverleihende Schwert Gungnir. Dann wandte er sich an die anderen Götter. Thor erhielt den prächtigen Hammer Mjöllnir, Freya bekam das Wolkenschiff Skidbladnir und auch die anderen wurden sehr reich beschenkt. Die Wächter waren voller Freude und Ymir nutzte nun die Gelegenheit, seinen Brüdern und Schwestern, seinen Frevel zu gestehen, dass er ein eigenes Volk gezeugt hatte. Zunächst waren die Götter sehr erzürnt. Ymir griff in seine Jackentasche und fischte den zitternden, kleinen Zwergenkönig Andwari heraus. Er stellte ihn in seine geöffnete Hand und zeigte allen das kleine Zwerglein. Ruhe war eingekehrt, als sie das winzige Wesen betrachteten. Als erstes brach Odin in schallendes Gelächter aus, als er das hässliche, im ganzen Gesicht bärtige Ding anstupste und Andwari mit einem Plumps in die Hand Ymirs kippte. Nun lachten auch die anderen. Staunend hörten sie zu, als Ymir berichtete, dass diese Kleinen es waren, die all die prächtigen Geschenke hergestellt hatten. Und obwohl die Götter von der Eigenmacht Ymirs noch immer verärgert waren, konnten sie nicht anders, als ihm seine Missetat zu verzeihen. Es führte sogar so weit, dass jeder der Götter etwas Lebendiges erschaffen durfte. Es dauerte nicht lange und schon bald tummelten sich in ganz Midgard eigenartige Wesen herum. Im Wasser schwammen Fische, in der Luft schwebten majestetische Vögel und im Wald und auf der Flur grasten Wildtiere unterschiedlichster Art. Aber es gab auch düstere Wesen, vor denen man sich fürchten musste, Drachen und Feuerriesen, Ungeheuer und dunkle Geister. Nur Balder beschränkte sich und schuf lediglich sieben Wesen. Sie sollten gottgleich werden und ihren Geist wollte er auf besondere Weise schärfen. Ihre Aufgabe sollte es sein, ebenfalls Wächter zu werden. Sie sollten das Gleichgewicht, der unterschiedlichen Kreaturen überwachen. Balder schuf zunächst Alvis Andvari, einen umsichtigen Mann und platzierte ihn im Norden Midgards in den alten Wäldern der Zeit. Dort war Yggdrasil der Baum des Lebens. Alvis wurde der Herr der Pflanzen. Dann schuf er Morodan aus dem Blute der Fruchtbarkeitsgöttin Freya und einem Knochen des Riesen Ygmasil. Er wurde ein weiser Prophet, der die Macht besaß, auf alles und jeden Einfluss zu nehmen. Seine magischen Kräfte waren denen der anderen weit überlegen. Im Schaffensprozess folgte nun Merlin, der Herr der Vögel, dann kam Rathell, der Herr der magischen Dinge und schließlich Godhien. Er war von allen der Besonnendste, gütig und überaus klug. Als letztes schuf er die weiblichen Wesen, Perriana und Ancyra. Sie waren beide Orakel. Während die eine auf die Wesen der Unterwelt Einfluss nahm, war die andere das direkte Band zu Göttern. Die eine war hellhäutig und besaß dunkles Haar, die andere goldenes. Beide waren überirdisch schön und anmutig, so dass sich niemand ihrem Bann entziehen konnte.
Und so waren sie geboren, die sieben Shiomani Midgards.
 
 
 
 
 
 
ERSTES KAPITEL
 
MORODAN
 
 
 
 
                                                        Der Abend war schon fortgeschritten und die Feierlichkeiten der Thronbesteigung schon lange beendet, als Morodan die Treppe des Südturmes nach oben stieg. Es war ein Tag gewesen, an dem er viel nachgedacht hatte. Ein Tag, an dem er an alte Zeiten denken musste, als sie noch vereint waren, die Shiomani dieser Welt. Jeden einzelnen hatte er bedacht und war mit ihnen ins Gericht gezogen. Allesamt waren sie Verräter und erkannten ihm nicht die Macht zu, die er errungen hatte. In Gedanken hatte er sie gesucht. Nicht einen hatte er gefunden. Sie hatten die Wege unterbrochen, waren nicht mehr eins. All die Jahre hatte er gehofft, sie würden sich seiner beugen und zu ihm zurückkehren, zu ihm ihren einstigen Führer. Doch sie mieden ihn und er wusste ganz genau, dass sie Pläne schmiedeten, ihm nach der erlangten Macht zu trachten. Ja sie waren Verräter ihrer einstigen Gilde, hatten sich verkrochen. Jetzt gehörten sie gedemütigt, ja gar gehenkt, ausgeliefert seiner Willkür. Würde er Gnade wallten lassen? Eine wirklich schwer zu beantwortende Frage. Er dachte kurz nach. Nein, so schwierig war es doch nicht. Er würde sich ergötzen an ihrer Pein auf der Folterbank, er ging noch weiter, wenn sie starben, würde er sogar Befriedung empfinden. Ja, so unwahrscheinlich es klang, er würde sich an ihren Schreien berauschen, an ihrem Tod laben. Es gab vielleicht den einen oder anderen Tag, an dem er sich fragte, was aus ihnen geworden war. Doch Zweifel hatten nur wenig Platz in seinem Denken. Er fühlte sich gut, er tat das einzig Richtige, er war auf einem unfehlbaren Weg.
   Sein Hirn fieberte. Es gab noch einiges zu bedenken. Waren die Götter ihm gewogen? Sie, die ihm erst die Macht gegeben hatten? Doch wie nah standen sie der Macht, der er sich verschrieben hatte? Er wollte sie auf die Probe stellen. Wollte ihre Gunst, wollte, dass sie ihm ihr Jawort gaben. Und wenn man es recht betrachtete, war er es gewesen, der dieser Welt eine endgültige Struktur gegeben hatte, der sie nach einem großen Plan zu ordnen begann. Erst er hatte es geschafft, alles in richtige Bahnen zu lenken und allem einen Sinn zu geben. Ja so war das. Langsam schloss er die alte Eichentür seiner Räumlichkeiten und verriegelte sie von innen. Er begab sich auf direktem Wege hinaus auf den Balkon. Als er dort ankam, stützte er sich auf das eiserne Geländer und blickte in den Innenhof, dann sah er auf die schwarze Masse des Dunkelwaldes. Bald war Mitternacht und ihm schauderte. Es blieb nur noch wenig Zeit, bevor der Stern der Hoffnung am Firmament auftauchen würde. Wie er dieses Schauspiel hasste. Und doch schafften es seine ehemaligen Freunde, dieses Ereignis immer wieder heraufzubeschwören, ausgerechet am Tag seiner Thronbesteigung. Seit mehr als fünfzehn Jahren musste er das nun schon ertragen. Sein Innerstes bebte und er hoffte, sie würden endlich ihren irrwitzigen Plan begraben, den Stern erscheinen zu lassen. Musste dieser unwürdige, über alles strahlende Himmelskörper denn genau an dem Tag sein Licht verströmen, an dem er das Fest seiner Thronbesteigung feierte? Wie ein Geschwür nagte dieser Zustand an seiner Seele und seine Wut auf die anderen Shiomani war unbeschreiblich. Wo versteckten sich diese Bastarde? Seit so vielen Jahren nun schon herrschte er auf Erden, hatte alle Völker unter seiner Macht vereint, aber noch immer versorgten seine ehemaligen Mitstreiter die Menschen mit Hoffnung. Ja er hasste sie und jedes Mal aufs Neue schwor er ihnen in allen Sprachen, die er kannte, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Doch egal was er unternahm, dem eigentümlichen Lauf konnte er nicht Einhalt gebieten. Jahr für Jahr musste er mit ansehen, wie sich die Shiomani mit Hilfe des Sterns in dieser einen Nacht zeigten. Morodan verabscheute sie abgrundtief. Warum wollten sie ihn nicht verstehen?
   Seine Gedanken verweilten für einen Moment bei Loki, dem finsteren Gott des Bösen, dem er zu danken hatte. Denn er hatte ihm erst den richtigen Weg gewiesen. Loki war zwar durch die Macht der Götter gefallen. Doch er war noch immer mächtig.
   Als man ihn vor langer Zeit gefangen genommen und in den Festen der Erde eingeschlossen hatte, nahm sein Wirken ein jähes Ende, doch noch immer war seine Macht überall in Midgard zu spüren. Morodan sog die Abendluft ein und kostete sie mit jedem Atemzug. Lokis Macht blieb unangetastet, sie konnten sie ihm nicht entreißen. Morodan lachte. Ja, sie hatten den dunklen Lord gefesselt und mit seinen eigenen Gedärmen in Ketten geschlagen. Doch seine finstere Seele trieb weiter ihr Unwesen, um gehört zu werden. Da nutzte es weinig, seine Gebeine von Geschöpfen bewachen zu lassen, die älter waren als das Leben selbst. Loki war auf ewig verbannt, ohne Hoffnung jemals freizukommen. Er starb jeden verdammten Tag aufs Neue und erwachte dann doch Nacht für Nacht wieder zum Leben. Doch sein verbliebener Lebenshauch war so schwach, dass Loki sich aus eigener Kraft nicht befreien konnte. Und es gab kein sterbliches Wesen, das ihm in dieser Lage hätte helfen wollen. Loki suchte seine Anhänger mit Hilfe seiner Gedanken. Er fand viele, doch sie konnten die Mauern der Götter nicht durchbrechen und ihn befreien. Auch Morodan hatte schließlich seinen verzweifelten Ruf gehört. Jede Nacht rann Lokis flehende Stimme über ihn hin, forderte ihn auf, die Fesseln mit denen er gebunden war, zu lösen. Als sein Bitten ungehört blieb, wurde es zum Betteln und später zur Drohung. Doch er hatte sich geschworen, nichts zu tun um das Böse zu erlösen. Er kannte Loki besser als jeder andere göttliche Wächter und er fürchtete ihn mehr, als alle Götter zusammen. Er wusste um Lokis Macht und dachte nur einen Augenblick daran, wie er in seine Fänge geriet. Loki würde sich bitter an ihm rächen, dass wusste er, egal ob er ihn brauchte oder nicht. Das aber war nun schon so viele Jahre herr, dass er sich nicht mal mehr erinnerte, wann genau das war. Ja er hatte den Göttern geholfen, Loki dingfest zu machen. Doch hatten sie ihm jemals gedankt? Niemals. Er war ein Nichts für sie. Damals wurde er vor Sorge krank und dedurfte Hilfe. Keiner der Wächter hatte ihn überhaupt angehört, kein Shiomani seine Hilfe dargeboten. Er fühlte sich allein. Er wusste, dass Loki all seine demonischen Freunde für ihn abgestellt hatte, damit sie ihm Trost spendeten. Keiner aber konnte das so gut, wie Loki selbst. Er sprach von Vergebung, von großen Dingen, die die Welt bewegen würden und er sollte ihr aller Lehrmeister sein. Niemand hörte ihm zu und so begann er dem Flüstern des Bösen zuzuhören. Loki stellte seine hervorhebensten Eigenschaften in den Vordergrund. Er versprach vieles, aber hielt nichts. Doch Morodan der Aussätzige fand sich wieder in einer geachteten Position. Es bedurfte einer langen Zeit, bis Loki endlich seinen Verstand endgültig vergiftet hatte. Morodan verdarb immer mehr und doch blieb er der Herrscher über sein geistiges Streben, einem Wissen zu dem Loki keinen Zugang hatte.
 
   Morodan konnte sich nicht an den genauen Tag erinnern, als sein Herr durch sein dämonisches Lächeln sein erstes Erwachen kund tat. Damals fühlte es sich echt an. Morodan zuerst von Sorge zerfressen, begann später zu zweifeln. Er fühlte sich stark, sehr stark, fast schon mächtiger als ein Gott. Loki, dem er einstmals gedient hatte, erschien ihm in seinen Fesseln unwirklich, geradezu unfähig die Macht an sich zu greifen und er fühlte, dass er der neue geborene Wächter war, der sich über alle erheben konnte. Niemand seiner Anhänger hatte auch nur einen Augenblick an seiner Macht gezweifelt. Morodan wischte seine Allmachtsphantasien fort und schalt sich einen Narren. Herr der Wächter, welch Irrsinn. Ob es möglich war, Odin von seinem Thron zu stoßen?
 
   Noch einmal ließ er seinen Blick vom Austritt des Südturmes durch die dunkle Nacht schweifen. Er sah erste Sterne vereinzelt durch die Wolken blitzen, selbst der Mond schien irgendwie zum Greifen nah. Ja es war die Nacht der Nächte. Heute würde er dem Schauspiel der vergangenen Jahre endlich Einhalt gebieten. Er fühlte sich unendlich stark und sehr mächtig. Die Wiesel der Zunft würden heute Nacht scheitern. Morodan lachte grimmig. Ihren Stern der Hoffnung würde er heute vernichten. Er ließ die Silben wie zähflüssige Masse immer und immer wieder auf seiner Zunge zergehen. Vernichtung. Es fühlte sich wundervoll an. Er, Morodan, hatte so vieles erreicht. Die bekannte irdische Welt diesseits und jenseits war seiner Macht unterworfen. Er regierte alle Lande, sie waren sein, alle sein, für immer sein. Nichts sollte daran etwas ändern. Eigentlich hätte er zufrieden sein müssen, doch er war es nicht. Erst wollte er seine ehemaligen Mitstreiter der Gilde verhöhnen und dann zerstören. Ja, er hätte es möglicherweise toleriert, wenn sie sich in die Höhlen der Berge verkrochen hätten und mit ihrem elenden Dasein zufrieden gewesen wären. Doch sie heizten den Widerstand an, das konnte er nicht dulden. Er hatte gar keine andere Wahl, er musste diesem Treiben ein Ende bereiten. Er wollte obsiegen, den Shiomani endlich zeigen, dass sie sich seiner Macht beugen mussten. Sein Plan war klug durchdacht, perfekt abgestimmt und bereinigt von all den Fehlern, die ihn in der Vergangenheit scheitern ließen. Nein, dieses Mal würde es gelingen.
 
   Morodan sog noch einmal die eisige Nachtluft in seine Lungenflügel und ließ die dunkle Macht zentral in seinem Körper zusammenfließen. Er spürte die eisige Kälte und etwas, dass sich nicht greifen ließ, aber seine Lunge blähte, sein Herz schneller schlagen ließ und seine Gedanken noch dunkler und finsterer machte. Er fühlte sich eins mit den Mächten der Finsternis. Ein starkes Band, das all seine magischen Kräfte mobilisierte. Morodan hob seine Hände und kraftvoll hielt er das dunkle Wolkenband am Firmament mit Hilfe eines Bannzaubers dicht geschlossen. Er spürte ein wenig Unbehagen, als plötzlich ein warmer Wind aus Süden wehte, der die eisige Kälte vertrieb. Er fluchte grimmig. Nein, auf diesem Wege würden die Shiomani ihm diesmal nicht beikommen. Er war viel mächtiger als sie alle zusammen. Grimmig verfluchte er Thor, den erbärmlichen Hundesohn und die verhurte Ausgeburt des Donners, die den Shiomani beistand. Er hatte es bisher geschafft, all sein Mühen in nur einem Augenblick zunichte zu machen. Aber dieses Mal wollte Morodan nicht zusehen, wie dieser Gott die turmhohen Wolken mit nur einem Hauch seines Odems davonblies. Er war vorbereitet. Das war einer der wenigen Augenblicke, an dem er sich den leibhaftigen Loki an seiner Seite wünschte. Er würde diesen kleinen Götterwicht nicht nur in seine Schranken weisen, sondern ihn gänzlich vernichten. Morodan sah sich gezwungen, sein Wunschdenken zu vertagen und widmete sich allein seinem Wiedersacher Thor. Ein Gott fürwahr, aber nicht unfehlbar. Wieder einmal sah er in seinen Gedanken, wie Thor über ihn lachte, ihn, den vermeintlich kleinen Shiomani, ein Bastard der Freya, die ihn nie mochte und sein Leben der Unerträglichkeit preisgegeben hatte. Noch immer sah er wie sie verächtlich lächelte, während sie ihren anderen Söhnen den Vorzug gab, weil sie nicht einem Riesen entstammten so wie er. Es schien, als würde Freya sogar jedem Bewohner von Midgard mehr Liebe schenken als ihm. Doch das war der Schmach nicht genug. Auch die anderen Götter verhöhnten ihn mit ihrem jährlichen Spiel in der Mittsommernacht. Da war Tyr, der die Erde derart erwärmte, dass der Schnee zu schmelzen begann, oder Forsiti, der die Welt mit Weisheit segnete. Odin, Gottvater und selbstherrlicher Titan, der den Erdlingen Zuversicht schenkte, Frigg, der Hoffnung brachte, während Vili Kraft versprühte. Auch Widar, der selbsternannter Gott der Gerechtigkeit, verachtete ihn und spendete Güte, Ve schickte neue Energien, während Freya Fruchtbarkeit und blühende Landschaften sandte, und als letzter ließ Balder Midgard in einem funkelnden Licht erstrahlen, welches den Menschen die Gewissheit gab, dass es sich lohnt, gegen dunkle Mächte aufzubegehren. Es schien als hätten sie ihn, Morodan, vergessen, als wäre er nicht wahr. Das schürte seinen Hass nur noch mehr. Möglichweise war es von den Göttern unbedacht, als man ihm ein Erdenleben in Aussicht stellte, und sein Leben mit göttlichen Segnungen umgab. Er war zunächst nicht unzufrieden. Aber er wollte mehr, schon damals wütete ein Feuer in ihm, dass ihn nicht Ruhe kommen ließ. Niemals erlosch es gänzlich, obwohl er es sich manchmal gewünscht hatte. Seine Lehrmeister waren von ihm angetan, in allem was er tat. Es war hervorragend, nur die Götter würdigten seine Leistung nie. Auf Erden aber fand er alles, was ihm im Himmelreich verwährt wurde. Er begann sich heimisch zu fühlen und wurde der mächtigste der Shiomani aller Zeiten. Jeder achtete ihn und er war der Herr über alles und über jeden Zweifel war er erhaben. Aber die Zeit verging, Jahrtausende gingen ins Land, dann nagte der Zweifel an der bestehenden Ordnung an ihm. Die Zeit des Loki war gekommen, er hatte in Morodan seinen Jünger gefunden. Zunächst noch war Loki voller Mitgefühl und Verständnis. Dann wendete sich das Blatt und das Böse säte sein Gift. Er wurde zu einem Diener des Herrn der Finsternis. Aber Loki kannte die Absichten und Pläne eines Morodan nicht. Er hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass ein Shiomani ihm einst seine Macht streitig machen könnte. Das war ein schwerer Fehler. Morodan grinste böse, ja es hatte sich gelohnt, all die Jahre zu warten.
 
   Morodan blickte prüfend zum Himmelszelt. Die Wolken waren noch dicht. Aber das würde nicht mehr lange so bleiben. Die warmen Winde begannen schon sie zu zerreißen und Lücken ins Dunkel zu schlagen. Da und dort funkelten bereits erste Sterne auf. Er lachte grimmig. Was kümmerte ihn die Macht eines Thor? Dieses Mal wollte er sich nur auf das verhasste Schauspiel selbst konzentrieren und lediglich den Stern angreifen.
   Zuerst kündigte sich das unvermeidliche Elend durch einen hell funkelnden Strahl an und dann erblickte Morodan den Stern der Hoffnung. Das grelle, widerliche Licht blendete seine empfindlichen Augen und Ekel schüttelte ihn. Wütend betrachtete er den Stein der Götter, der die einzige Hoffnung der Menschen in all der Dunkelheit war. Aber heute würde dies nun endgültig ein Ende haben. Das war das letzte Mal, dass der Stern sein helles Licht verströmen sollte. Ein allerletztes Mal. Gegen Mitternacht würde er seinen tödlichen Stoß aussenden und ihn für immer vernichten. Heiser lachte Morodan und Wahnsinn leuchtete in seinen Augen. Sein Atem ging rasselnd und sein Herz schlug unbarmherzig heftig. Nein, dieses Jahr würde alles anders sein. Viel gründlicher als die Jahre zuvor hatte er sich auf diesen Moment vorbereitet und mit Hilfe der dunklen Macht, die ihm zugetan war, würde er jetzt für immer diesem Treiben der Götter und der Shiomani ein Ende bereiten. Morodan hielt Tordas seinen gefährlichen Stab in die Höhe und lachte schallend. Der Turmalin der Finsternis schickte kleinere Blitze gegen den Stern. Doch seine eigentliche Waffe sollte erst zum richtigen Zeitpunkt zum Einsatz kommen. Er drehte sich im Halbkreis und sein Mantel rauschte unheilvoll. Es wurde Zeit.
 
   Die schwere Eichenkiste stand bereits auf dem Austritt des Turmes. Die Schlösser knackten laut, als die Magie des Öffnens sie erlöste und sie das Innere der Truhe preis gaben. Er entnahm eine Kugel, in der Funken prasselten und Nebel wallte. Sie schwebte neben ihm, bereit seinem Willen zu gehorchen. Morodan begann schwarze Formeln zu sprechen. Es waren schreckliche, böse Worte, die von Vernichtung und Tod sprachen. Seine Stimme wurde lauter und lauter. Die abertausenden Orks, die sich der Trunksucht angesichts der Thronbesteigungsfeier hingegeben hatten und deren Grölen lauthals sogar bis zum ihm vordrungen waren, wurden plötzlich still. Sie lauschten der unheilvollen Stimme, die über den riesigen Hof hallte. Die Menschen, die voller Ehrfurcht zum Himmel schauten, den Stern der Hoffnung betrachteten, erstarrten in ihrem Jubel. Eiskalt drangen die magischen Formeln in ihren Geist und ließen sie verstummen. Das Unheil war plötzlich greifbar nahe. Der Hall des Bösen war allgegenwärtig und in jedem Faser des Lebens zu spüren. Schreckensstarr blickten die Menschen noch immer auf den Stern, beteten, er möge ihnen Hoffnung schenken, so wie jedes Jahr.  Doch die Angst griff um sich.
 
   Morodan spürte, dass er jetzt die magischen Relikte vereinigen musste. Er nahm den Ring namens Enya und setzte ihn auf die Spitze des Turmalins. Dann ließ er mit magischen Worten den sehenden Stein in die Lüfte aufsteigen. Die Kugel schwebte nun über dem dunklen Turm. Dann bündelte Morodan die Macht der Drei und ließ sie zu einer Einheit verschmelzen. Als dies geschehen war, sammelte er all seine Kräfte und sandte einen einzigen gigantischen Blitz aus Kälte und zerstörerischer Energie hinauf zum Firmament. Unaufhaltsam schwebte die gewaltige Welle der Zerstörung seinem Ziel, dem Stein der Götter entgegen. Und als er ihn schließlich erreichte, gab es eine gigantische Explosion. Sie erschütterte die Welt in ihren Grundfesten. Die Erde bäumte sich auf, bebte unter den riesigen Kräften die bei dem Zusammenstoß freigesetzt wurden. Morodan ließ langsam seine Hände sinken und blickte fasziniert hinauf zum Firmament. Seine Genugtuung kannte keine Grenzen, als er den sinkenden Feuerball beobachtete. Wie er loderte, als wären tausend Sonnen in ihm erwacht.
   Dann krachte es ohrenbetäubend und das Unglaubliche geschah: der Stein zerbrach. Vier glühende Bruchstücke mit feurigem Kometenschweif fielen am Horizont der Erde nieder, einer in jede der vier Himmelsrichtungen.
   Es war geschehen.  
 
 
 
 
 
 
 
 
ERSTES KAPITEL
 
DER STEIN DER HOFFNUNG
 
 
 
                                                                  Morodan hatte es wirklich geschafft. Der Stern der Hoffnung war vernichtet. Er jubilierte, lachte schauerlich und seine Augen glühten. Er schüttelte sich in wohligen Kälteschauern, die seine Nackenhaare sträubten. Der Hoffnungsstein war endlich vernichtet und untergegangen. 
   Nachdem auch die letzten Reste funkelnden Lichts erloschen waren, wurde es auf der Erde wieder finster. Morodan genoss das Gefühl von Größe und Macht. Jetzt war er unbestritten der mächtigste Herrscher der Welt. Das letzte Ziel auf seiner langen Reise in die Unendlichkeit war erreicht und nun war es niemanden mehr möglich, ihn zu stürzen.
   Zufrieden ließ er seine schwarze Kiste aufspringen und die magische Kugel schwebte hernieder und verschwand darin. Dann nahm er seinen Ring Enya und ließ ihn auf seinen Finger gleiten. Genüsslich wand er sich der schweren Eichentür zu, um sich von der Anstrengungen zu erholen.
   Doch plötzlich, grade als er den Turmgang verlassen wollte, teilte sich der Himmel. Silberfarbenes Licht leuchtete in magischem Glanz. Erstaunt blickte er nach oben und Grauen packte ihn. Gottvater Odin blickte grimmigen Gesichts auf ihn nieder. Auch die anderen Götter hatten sich eingefunden und funkelten ihn böse an. Sie waren so nah, dass er das Gefühl hatte, seine Haut würde unter ihren stechenden Augen brennen. Er hielt Tordas schützend vor seinen Körper. Doch es nützte nichts. Das Feuer ihrer Macht glühte auf seiner Haut und die Stimme Odins donnerte in seinen Ohren, als er sprach:
 
Zittern sollst du Missgeburt.
Wir sind die Wächter aus grauer Vorzeit.
Verhöhnst die Mutter allen Lebens, vergisst scheinbar deinen Platz im alles umschließenden Gefüge?
Dein niederes Leben will gottgleich sein, obwohl zu keinem Zeitpunkt verdient?
Shiomani bist du nur durch unseren Willen.
Missbrauchst jedoch die Fähigkeiten, die wir dir gegeben!
 
   Wutentbrannt schauten sie ihn an, fixierten ihn mit ihren fesselnden Blicken. Morodan wand sich gequält. Seine Knie zitterten und er meinte, dass seine Beine nicht mehr lange das Gewicht seines Körpers tragen würden. Er versuchte sich aufzurichten, ohne Erfolg. Sein Kreuz beugte sich dem Zorn der Wächter. Die Augen des Gottvaters brannten auf seiner Haut, während er ungläubig zum Firmament starrte. Odin betrachtete Morodan musternd und scheinbar hasserfüllt. Dann brüllte er:
 
Endgültiger Tod, elender Wurm, sei dir beschieden.
Thors Hammer wird dich richten, sobald du die heiligen Hallen Walhallas betrittst!
Doch auch auf Erden sollst Du für diesen Frevel bestraft werden.
Deshalb höre meinen Fluch:
 
Wenn alle Teile des Sterns der Hoffnung gefunden und von redlicher Hand wieder zusammengefügt wurden,
wird der Stein mit neuem Glanz zum Firmament aufsteigen.
Dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem dich mein Fluch ereilt:
Denn in diesem Moment werdet ihr Shiomani sterblich.
Morodan, fürchte dieses Schicksal,
 denn es wird vor allem dein Ende sein.
 
 
   Nachdem Odin diese Worte gesprochen hatte, trat Thor, der Herr der Winde, aus dem Schatten des Gottvaters hervor. Er blies einen warmen Wind zur Erde hinab. Morodan meinte zu brennen, als wäre heißer Regen auf ihm niedergegagen. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Auf den Schwingen des Luftstromes schwebte eine Gestalt zur Erde nieder. Als sie den Boden erreicht hatte, schloss sich der Spalt und die Götter verschwanden in den endlosen Weiten des Universums. Nur einem Augenblicken später kehrte die Dunkelheit und Stille der Nacht zurück.
 
   Morodan sank benommen auf die Knie. Was war geschehen? Hatten die Wächter nicht geschworen, sich nicht mehr in die Belange Midgards einzumischen? Ihm gehörte der winzige Planet und ihm hatten sie die Herrschaft überlassen. Die Erde war ganz allein sein. Doch nun verfluchten sie ihn?
   Verdammt sollten sie sein diese elenden Missgeburten. Was war schon besonderes an diesem jämmerlichen Stein? Sie konnten doch andere erschaffen und am Firmament platzieren. Das Universum war groß genug für ihre kindlichen Spielzeuge. Der Herr der Finsternis zitterte, als er sich schwankend erhob und es kostete ihn Mühe, sich zu beruhigen. Mit letzter Kraft schleppte er sich in sein Kuppelgewölbe und nahm auf seinem Thron, der gekrallten Hand Platz. Dort versank er in Gedanken und grübelte bis zum Morgen. Jedes einzelne gesprochene Wort des Gottvaters rief er sich noch einmal ins Gedächtnis und dachte über die Botschaft nach. War er zu weit gegangen? War er leichtsinnig gewesen, die Wächter herauszufodern? So lange war in seinem Tun unbehelligt geblieben. Hatte er sich zu sehr in einer nicht existierenden Sicherheit gewähnt? Fluchend schalt er sich einen Narren. Er hatte sich ihren Zorn zugezogen und wurde nun bestraft. Grimmig dachte er über die Prophezeiung nach, die Odin ihm entgegen geschleudert hatte. Wenn alle Teile des Steins gefunden und von redlicher Hand zusammengeführt wurden, erst dann sollte ihn das Schicksal ereilen.
   Er musste nur dafür sorgen, dass er die Teile des Sterns der Hoffnung als erster fand, bevor andere ihm zuvor kamen. Dann konnte ihm nichts geschehen und seine Macht blieb erhalten. Eile war plötzlich geboten. Zornig rief er Rohivor. Der Rabe nahm krächzend und flügelschlagend Platz auf seiner Schulter.
   Morodan strich ihm mit seinen langen, knochigen Fingern über das Gefieder. „Ihr seid mir sehr willkommen, alter Freund!“
   „Was befiehlt ihr, Herr und Meister?“, krächzte der Rabe.
   „Sorge dafür, dass sich dieser unnütze Geselle Gorlog umgehend bei mir einfindet! Eile mein gefiederter Schwarzer. Und anschließend wirst du auf Reisen gehen. Du wirst sie doch sicher finden, nicht wahr?“
   „Jeden einzelnen, wenn das euer Wunsch ist, mein Gebieter!“
   Morodan strich noch einmal über das Gefieder des Raben. Dann erhob sich Rohivor kreischend in die Lüfte und flog in den dunklen Nachthimmel hinaus.
 
 
„Gewissheit ist die Grundlage, nach der die menschlichen Gefühle verlangen.”
 
 
ZWEITES KAPITEL
 
DUMBARTON
 
 
 
                                                                                                                                                                                                                                                                                                           
 
                                                                Mehr als fünfzehn Jahre waren nach der Machtergreifung Morodans vergangen. Man schrieb das Jahr 2681 des vierten Zeitalters. Alle Länder Midgards standen unter dem Joch des Königs der Finsternis, der sie mit Gewalttätigkeit und Hass regierte. Ewiger Winter herrschte in allen Winkeln der Erde und jedes Jahr wurde es kälter und kälter. Schnee beherrschte die Weiten und selbst die warmen Regionen waren alsbald unter einer dicken Eisschicht begraben. Die Ursache hierfür war die Dunkelheit. Weder die Sonne, noch der Mond oder die Sterne erblickten die Erde. Schwarze Wolken hielten die Welt wie ein festes Band umschlossen.
   Die Bevölkerung war durch die neuen Herrscher versklavt worden und sie verbrachten ihr Dasein in einem immer währenden Elend. Um zu überleben, schlugen sie das Holz der alten Wälder, um die Öfen zu heizen. Dieses Holz war für die meisten Menschen die letzte Wärmequelle, um sie vor dem Tod durch Erfrieren zu bewahren. Trotzdem waren Tausende in den vergangenen Jahren gestorben, ob nun der Kälte wegen, vor Gram, der harten Arbeit in der Sklaverei oder der Gewalttätigkeit der Orks. Ihr Widerstand war im Laufe der Zeit zerbrochen und die Menschen hätten längst die Hoffnung auf ein besseres Schicksal begraben, wenn dies nicht durch einen besonderen Umstand verhindert worden wäre. Einmal im Jahr geschah in Midgard etwas ganz Außergewöhnliches. Und dieses Ereignis gab ihnen so etwas wie Zuversicht und ließ das winzige Feuer der Hoffnung niemals ganz verlöschen.
 
   Auch dieses Jahr stand dieses Ereignis wieder kurz bevor. Der Tag der Sommersonnenwende. Von allen wurde er sehnsüchtig erwartet. Auch wenn sich gar mancher fürchtete, das Wunder könnte ausbleiben. Doch das war seit der Schreckensherrschaft noch nie geschehen. Vom heutigen an gezählt, mussten sie noch zwei lange Nächte bis dahin warten. Die Anspannung und die Vorfreude der Bevölkerung stieg bereits jetzt fast ins Unermessliche.
 
   Bentharo und Maxopher, kurz Ben und Max genannt, liefen mit Eisenkanten an ihren Stiefeln auf dem Eis des Ladhogasees. Ihre Schuhe waren extra so präpariert worden, damit sie sich sehr schnell auf dem Gefrorenem fortbewegen konnten. In ihren Händen hielten sie lange Stöcke aus Holz und schossen damit einen kleinen schwarzen Stein hin und her. Sinn und Zweck dieser Bemühungen bestand darin, diesen Stein, der auch Picker genannt wurde, auf einem abgesteckten Feld zur gegenüberliegenden Seite zu schießen und dort in einem Eisloch zu versenken. Dabei musste man sehr geschickt vorgehen und gute Treffsicherheit vorweisen können. Ben und Max waren die besten jugendlichen Spieler von Dumbarton, auch wenn sie erst vierzehn und fünfzehn Jahre alt waren. Selbst die erfahrenen Männer spielten nicht so gut wie sie und jeder war begierig einen von beiden in seine Mannschaft zu wählen. Alljährlich wurde sogar eine Meisterschaft ausgetragen, die fünf Tage währte. In dieser Zeit waren die meisten Orks nach Tol Dalarna ausgezogen, um ihrem Herrn zu huldigen und seine Thronbesteigung zu feiern. Dann blieben nur wenige der finsteren Kreaturen des Königs zurück und denen war es meist egal, was die Menschen trieben, wenn sie nur die ihnen befohlene Arbeit widerspruchslos erledigten. Manche von ihnen waren sogar über diese kleine Abwechslung erfreut, denn dann konnten sie sich gut unterhalten, dem Genuss eines Gesöffs welches sie Suppe nannten, frönen und ihre Münzen verwetten. Während der Spiele saßen die Orks auf den besten Plätzen und ließen sich bedienen, während sie grölend und brüllend dem Spiel zuschauten. Es dauerte meist nicht lange, bis sie völlig betrunken waren und oft bekamen sie nicht einmal mehr mit, wer den Wettstreit überhaupt gewann.
 
   Das große Finale dieses Spiels wurde immer zur Sommersonnenwende ausgetragen, dem Tag an dem Morodan zum einen den Thron bestiegen hatte und zum anderen das heimliche begehrte und durchaus außergewöhnliche Ereignis sehnsüchtig erwartet wurde, nämlich das ein Stern der Hoffnung erschien. Doch dies sollte in diesem Jahr noch zwei Tage Zeit haben.
   Für den Nachmittag standen noch zwei Spiele an, in denen Maxopher und auch Bentharo aufgestellt waren. Sie übten schon den gesamten Vormittag, um ihre Nervosität zu vertuschen. Heute würden sie nun im Laufe des Wettstreits gegeneinander spielen, denn Ben trat für die blaue Mannschaft der Seeleute an und Max für die rote Mannschaft der Schmiede. Beide liebten das Eisspiel über alles. War es doch der einzige Zeitvertreib, der sie von ihrem tristen Leben ablenkte.
 
   Maxopher war für sein Alter äußerst kräftig und robust, sein Gesicht kantig, die Nase eckig und die tiefliegenden Augen von durchdringendem Blau. Seine Haare glänzten im Licht des Feuers so schwarz wie die Nacht. Er arbeitete tagsüber mit seiner Schwester in der Schmiede seines Vaters. Dadurch waren seine Muskeln bereits so stark ausgeprägt wie bei einem normalen Mann, der keiner so schweren körperlichen Arbeit nachging.
   Sein Freund Bentharo hingegen war groß und sehnig, seine Glieder geschmeidig und er galt als ausgesprochen flink. Sein schmales Gesicht umschmeichelten lange, braune Haare. Seine grünen Augen waren stets wachsam und sein Blick reichte viel weiter als der anderer. Bens Vater gehörte der Gilde der Fischer an und darum fuhr er mit ihm jeden Morgen auf den Ladhogasee hinaus. Schon als Kinder mussten Max und Ben täglich von früh bis spät arbeiten. Ein hartes Leben das sie prägte. Da sie aber nie das Leben in Freiheit kennengelernt hatten, stellten sie sich rasch auf die besonderen Umstände ihres Daseins ein. Sie litten weit weniger darunter, als die Menschen, die in die Knechtschaft gezwungen worden waren.
 
   Als Max und Ben noch sehr jung waren, trafen sie einander und machten sich bekannt. Aus anfänglicher Zurückhaltung wurde rasch Freundschaft. Vielleicht gerade deshalb, weil sie so völlig unterschiedlich waren. Wenn es die Zeit erlaubte, spielten sie Jäger und Gejagter zusammen im Wald oder kämpften gemeinsam gegen nicht vorhandene, aber furchtbar grausame und schreckliche Gegner. Später dann entdeckten sie ihre Liebe am Eisspiel. Zunächst liefen sie mit den abgelegten Eisen anderer. Doch als sie besser wurden, fertigten sie gemeinsam in der Schmiede ihre ersten eigenen Kufen, die mit Lederbändern um die Schuhe gebunden wurden.
 
   Eines Tages aber brach die Welt für Bentharo aus seinen festen Fugen. Sein Vater kehrte nach einem Sturm nicht mehr nach Dumbarton zurück. Erstmals stand ihre Freundschaft unter einer harten Belastungsprobe. Ben musste nun mehr denn je arbeiten. Er heuerte auf verschiedenen Booten der Gilde an und war nur noch unterwegs. In dieser Zeit sah er Max nur noch sehr selten. Trotzdem änderte sich zwischen ihnen nichts und die wenigen Momente die ihnen blieben, verbrachten sie gemeinsam. Dies änderte sich erst, als Bens Mutter der Fürsorge der Gilde unterstellt wurde. Die kleine Familie musste zu einem Seemann ziehen, der seine Frau bei der Geburt ihres ersten Kindes verloren hatte. Das Leben wurde dadurch wieder einfacher, denn nun waren er und seine Mutter versorgt. Rowan, sein neuer Ersatzvater, war ein freundlicher Geselle, der die See liebte. Er teilte sich ein Boot mit den Worrens und unterrichtete Ben in Navigation, Fischkunde und Netzwirtschaft, so wie früher sein Vater. Endlich erfuhr er wieder ein geregeltes Leben und konnte sich am späten Nachmittag oder Abend mit Max treffen. Alles war so wie früher, nur der Schmerz des Verlustes nagte noch immer an seiner Seele. Lediglich auf dem Eis, vergaß er seinen Kummer, immer dann wenn er dem Picker hinterherjagte und unbändige Freude trat in sein Antlitz, wenn er den Stein ins Eisloch versenkte.
 
   Am Nachtmittag, zwei Tage vor der Sommersonnenwende, war es dann endlich soweit. Gerade hatte die braune Mannschaft der Holzfäller gegen die Grüne der Jäger verloren und Jubel herrschte unter den Männern, während sich die Waldarbeiter grämten. Dann ertönte ein schriller Pfiff, das Zeichen, der die Spieler der blauen und roten Mannschaft auf das Eisfeld rief. Nur wenig später rasten die Männer auf dem weißen Untergrund hin und her und versuchten den Picker ins feindliche Eisloch zu schießen. Rot und Blau waren sehr stark und einige Zeit konnte niemand einen Vorteil herausspielen. Doch dann wendete sich das Blatt. Die Blauen nutzen einen Fehler in der Abwehr der Roten und kamen nahe an das Loch heran. Bentharo schoss und der Picker landete im Ziel. Maxopher schmiss seinen Stock aufs Eis und trat wütend mit der Metallkante auf, so dass es laut knirschte. Doch noch war das Spiel nicht verloren. Immer schneller wurden die Läufer und immer härter krachte der Picker an die Schläger. Manche Zuschauer waren kaum noch in der Lage den schwarzen Stein schnell genug mit ihren Augen zu verfolgen, als der Jubel der Roten ihnen entgegen brandete. Sie hatten ebenfalls einen Treffer erzielt und nun stand es eins zu eins. Beiden Mannschaften blieb aber nur noch wenig Zeit den Sieg zu erringen, denn die Sanduhr neigte sich bereits dem Ende entgegen. Und schafften sie es nicht rechtzeitig, dann trat eine besondere Regel in Kraft. Doch so sehr sich aber die beiden Mannschaften auch bemühten, nach Ablauf der Zeit hatte niemand den entscheidenden Siegtreffer erspielt. Grimmig starrten sich die Roten und die Blauen gegenseitig in die Augen, denn nun griff die Sonderregel.
   Jeweils ein Spieler aus der Mannschaft trat gegen einen der anderen an. Es galt, den Picker in dem gegenüberliegenden Eisloch zu versenken. Dafür hatte man nur einen Versuch und erschwert wurde das Vorhaben vom aufgerufenen Gegenspieler, der ihn daran zu hindern versuchte. Dies war stets ein spannendes Duell. Gelang es dem Spieler mit dem Picker, das Eisloch zu erreichen und den Stein zu versenken, so bekam seine Mannschaft einen Punkt. Schaffte es sein Gegenspieler aber, ihm den Stein abzujagen und aus dem Spielfeld zu schießen, bekam die andere Mannschaft den Punkt. Die Regel sah vor, dass fünf mal nacheinander jeweils ein Mann aus jeder Gruppe gegeneinander antreten musste. Sobald einer der Beiden siegreich war, kamen die nächsten zwei Spieler an die Reihe. Oftmals galt diese Form das Spiel zu beenden, als die spannendste und jeder Treffer wurde frenetisch gefeiert.
   Schnell sprach sich herum, dass es am heutigen Tag ein Duell zwischen Rot und Blau geben würde und zum Spielfeldrand strömte nach nur kurzer Zeit die halbe Bevölkerung von Dumbarton. Aufgeregt erwartete man den Anfpfiff. Es war üblich, dass die Spielobersten der jeweiligen Mannschaften zuerst gegeneinander antraten und die Eislochschützer als die Letzten. Auch dieses Mal war es nicht anders. Rungnar von den Roten und Kalopher von Blauen stellten sich auf. Das Los entschied, dass Blau beginnen durfte, den Picker ins Eisloch zu spielen und Rot musste ihn daran hindern. Gerade ertönte der Pfiff des Schiedsers und der rote Mann versuchte den Spieler der Blauen in seinem Lauf zu behindern. Aber Kalopher kämpfte sich an Rungnar vorbei, indem er ihn an der Schulter rammte. Buhrufe begleiteten diesen Spielzug. Doch er war erlaubt. Der Mann in rot ging zu Boden und Kalopher versenkte den schwarzen Stein im Eisloch. Der Jubel der Seeleute war immens, während die Schmiede drohend ihre Fäuste gegen sie erhoben. Dann war Rot an der Reihe. Der Spieler der Schmiedegilde war ein Ungetüm an Größe und Statur. Gegen ihn kämpfte der Geschickteste der Blauen. Obwohl der Rotgewandete wie ein Koloss nach vorn walzte, schaffte es der wendige Raimond von den Blauen, ihm den Picker abzujagen und aus dem Spielfeld zu schießen. Die Seefahrer brüllten vor Freude und rissen die Arme nach oben. Sie hatten nach nur zwei Runden schon einen wichtigen Vorsprung errungen und ihr bester Spieler sollte erst noch kommen.
   Im nächsten Duell ging der Siegpunkt an die Roten und dann kam der Moment, als Maxopher und Bentharo gegeneinander antraten. Sie kannten ihre Schwächen und Stärken genau und wussten, wie sich der andere in verschiedenen Situationen verhalten würde. Beim Üben waren sie immer gleich stark. Doch dieses Mal ging es um mehr als nur dem Spiel auf dem Feld. Sie mussten ihrer Mannschaft den wichtigsten Punkt bescheren. Wenn Maxopher unterlag, dann hatte Blau mit drei Führungstreffern schon gewonnen und wenn er obsiegte, dann entschieden die Eislochhüter wer den Sieg davontragen würde. Gespannt starrten die Zuschauer aufs Eis und verfolgten jede Bewegung der Beiden. Ben und Max machten sich bereit und warteten auf den Pfiff des Schiedsers. Maxopher starrte gebannt auf den Picker, den Bentharo ihm abjagen musste. Es vergingen Augenblicke, die dem Jungen des Schmieds wie eine Ewigkeit vorkamen. Dann ertönte der schrille Ton. In dem Moment stürzte Max los und jagte mit dem Stein auf das gegenüberliegende Eisloch zu. Ben war neben ihm und bedrängte seinen Führungsarm, damit der Picker ihm entglitt. Maxopher hatte keine andere Wahl, er lehnte sich gegen den blau gekleideten Ben und stieß ihn beiseite. Beide strauchelten und glitten aus. Der Länge nach schlitterten sie auf dem Eis. Der Sohn des Seefahrers rappelte sich als erster auf und versuchte mit seinem Stock nach dem Picker zu schlagen. Doch Max war hinter ihm und fing den Schlag ab. Gewandt duckte er sich und stürmte wieder dem Eisloch entgegen. Bentharo setzte alles daran, ihm den Stein wieder abzujagen. Das war so spannend, dass alle gebannt auf das Eis starrten und den Verlauf des Zweikampfes mit offenem Mund verfolgten. Dann kam der Moment, indem Maxopher den letzten Spielzug vorbereitete. Er holte aus, um den Picker den Stoß zu versetzen, dass er unweigerlich ins Eisloch gleiten musste. Doch es kam anders. Der Schlag wurde von Ben abgefälscht und der schwarze Stein glitt am Loch vorbei ins Aus. Das Spiel war vorbei. Die Gilde der Schmiede hatte verloren. Die Blauen jubelten frenetisch am Rand des Feldes. Max sank benommen zu Boden. Sein Freund hatte ihn besiegt. Sein Blick wanderte hinüber zu seinen Vater und dieser verriet ihm, dass er im ersten Moment zwar etwas enttäuscht, aber keinesfalls böse war. Denn seinem zunächst geschockten Blick folgte ein liebevolles Lächeln und er winkte ihn heran. Niedergeschlagen trottete er ihm entgegen.
   "Ach Junge, nimms dir doch nicht so zu Herzen. Ist bloß ein Spiel!", rief er ihm entgegen.
   Auch die anderen seiner Gilde hatten sich vom Schreck erholt und ersparten ihm Beschimpfungen. Ein Krug Wein wurde bereits herumgereicht und schon bald war die Niederlage im Rausch vergessen. Maxopher sah beschämt zu seinem Freund hinüber, der von seinen Leuten bejubelt wurde. Neidisch verfolgte er das Treiben aus den Augenwinkeln. Dann trafen sich ihre Blicke und Ben lief ihm entgegen.
   "Ein toller Zweikampf, nicht wahr? Beinahe hättest du es geschafft!" Der Seefahrersohn knuffte ihn in die Seite. "Jetzt mach doch nicht so ein Gesicht. Ich hab halt dieses Mal mehr Glück gehabt. Es hätte auch andersherum sein können. Sei nicht traurig. Ist doch nur ein Spiel. Und außerdem, schau dir nur euren Eislochschützer an. Gegen unseren Mann hätte der sowieso keine Chance gehabt!"
   Missmutig blickte Maxopher auf den Schmiedegehilfen, der ihr Eislochhüter war und dann auf Renogard, den Seefahrer. Dann plötzlich lachte er lauthals und sagte: "Ach du hast ja womöglich Recht. Oh ja, ich glaube du hast bestimmt recht. Dieser Hüne hätte wahrscheinlich den Spielzug entschieden. Wo um alles in der Welt, habt ihr diesen Koloss her?“ Er lachte und dann wurde er wieder ernst. „Aber es ärgert mich trotzdem!"
   "Das ginge mir genauso", sagte Bentharo freundlich und voller Anteilnahme. "Aber nächstes Jahr beginnt das Spiel von vorn und dann hast du vielleicht mehr Glück, als ich heute! Du weißt doch genau, dass wir beide gleich gut spielen. Göttin Fortuna entscheidet, wer von uns beiden siegreich sein ist. Und nächstes Jahr ist sie dir vielleicht mehr gewogen.“ Er lachte. „Außerdem schmerzt mir noch immer meine Seite, auf die ich wegen dir gefallen bin!" Ben rieb sich sein Bein.
   Max lachte nund auch. Er konnte Ben einfach nicht grollen. "Dann lass uns braune Suppe klauen!", rief Maxopher euphorisch und beide trollten sich Arm in Arm der kleinen Tribüne entgegen, auf der die Orks Platz genommen hatte.
 
   Es verging ein weiterer Tag und am Ende der Mittsommernacht standen die Mannschaften fest, die das letzte entscheidende Spiel gegeneinander austragen sollten. Es waren die Grünen, die zur Gilde der Jäger gehörten und die Schwarzen, die im Steinbruch arbeiteten. Die einen waren unglaublich geschickt und die anderen stark und kräftig. Sie wirkten wie Bären, hatten oft Oberarme wie Streithammer und Hände wie riesige Pranken. Die Stöcke in ihren Händen wirkten wie Spielzeuge. Die Schwarzen blickten grimmig, um die Grünen einzuschüchtern. Doch alle wussten, dass dies nur albernes Gehabe war. Nach dem Spiel würden die Jäger und Steinschläger wieder einträchtig nebeneinander sitzen und den Sieg der Mannschaft feiern, die dieses Spiel gewann. Bentharo und Maxopher standen am Spielfeldrand. Kein einziges Spiel hatten sie bisher versäumt und nun wetteten sie darauf, wer gewinnen würde. Max tippte auf die Schwarzen und Ben auf die Grünen. Als dann der Pfiff ertönte und das Spiel begann, waren sie kaum noch zu halten. Sie sprangen von ihren Plätzen auf und feuerten ihren favorisierten Mannschaften zu. Zum ersten Mal waren beide froh, nicht an diesem Kampf beteiligt zu sein. Die Steinschläger waren harte Burschen und spielten am Rande der Zulässigkeit. Die Knuffe, die die Jäger einstecken mussten, waren heftiger Natur und mancher der grünen Spieler verzog sein Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse, wenn sie ein böser Schlag erwischte. Zweifelsfrei waren die Schwarzen stärker, aber die geschickten Grünen nutzen jeden Vorteil, um den Picker im Eisloch zu versenken. Und so stand es kurz vor Schluss drei zu drei. Entweder traf vor Ablauf der Sanduhr noch einer aus den jeweiligen Mannschaften das Eisloch oder es kam wieder zu einem spannenden Zweikampf zwischen den grünen und schwarzen Spielern. Der rote Kiesel der Sanduhr sickerte immer schneller in das untere Glas. Jetzt waren es nur noch wenige Momente, bevor die offizielle Spielzeit vorüber war. Die Grünen setzten alles auf eine Karte und ihr geschicktester Spieler wagte einen Weitschuss. Alle hielten den Atem an, als der Picker immer näher zum Eisloch schlitterte. Der Eislochhüter versuchte noch, an diesen schnellen Stein heranzukommen und mit Mühe fälschte er den Schuss ab. Doch er änderte seine Richtung nur wenig. Unaufhaltsam schoss er dem Rand der Versenkung entgegen. Ganz Dumbarton verfolgte gebannt dem Picker. Er traf den Rand und tanzte an der Kante entlang. Eine Hälfte im Eisloch und die andere außerhalb. Nach dem Regelwerk aber, musste der Stein im Loch landen. Ein Streifschuss reichte für einen Sieg nicht aus. Der Picker kippelte und konnte sich nicht recht entschließen, ob er seine Bahn weiter ins Aus ziehen oder doch nach unten fallen sollte. Nur noch einzelne Sandkörner sackten nach unten. In wenigen Augenblicken konnte der Pfiff ertönen, der das Spiel beendete. Da entschloss sich endlich der schwarze Stein, kippte seitlich weg und verschwand im Loch. Die Jäger sprangen umher und schrien so laut, dass sich Max und Ben die Ohren zuhalten mussten. Die Grünen warfen ihre Schläger in die Höhe und vollführten einen wahren Freudentanz. Es war das erste Mal, dass sie die Meisterschaft für sich entscheiden konnten. Die Schwarzen blickten zunächst irritiert und dann verärgert. Sie grummelten und schauten desillusioniert ins Eisloch, in dem eindeutig der Picker lag. Es dauerte ein wenig, bis sich ihr Unmut etwas gelegt hatte, und daran hatten die Grünen einen nicht unwesentlichen Anteil, denn sie spendierten den Schwarzen etliche Krüge mit Wein. Und auf einmal feierten auch sie alle ausgelassen das anschließende Fest. Hierbei bekamen die Jäger den Ehrentisch zugewiesen und wurden besonders zuvorkommend behandelt. Musik erklang, es wurde getanzt, wobei Bier und Wein in Strömen floss. Ganz Dumbarton war an diesem Abend auf den Beinen und feierte. Ein Ereignis, dass die Orks nur einmal im Jahr, am Abend der Mittsommernacht, duldeten. Denn es war auch gleichzeitig der Tag, an dem Morodan zum Herrscher über ganz Midgard gekrönt worden war. Und schlau wie die Roganinger waren, nutzten sie jedes Jahr dieses Wissen zu ihren Gunsten.
 
   Beim Fest herrschte eine ausgelassene Stimmung, wie sie nur selten so zu erleben war. Überall brannten aufgestapelte Holzfeuer und die Roganinger saßen drum herum und sangen Lieder. Die Holzscheite knisterten und die Flammen tanzten einen wilden Reigen. Morodan, ihren Herrscher huldigten sie mit gestenreichen Worten. So war auch seiner Ehre genüge getan und niemand musste Sanktionen fürchten.
   Maxopher und Bentharo hatten sich an dem Feuer eingefunden, wo die jungen Mädchen und Burschen von Dumbarton feierten. Sie lachten und scherzten und waren völlig aufgedreht. Doch da war noch etwas anderes, dass sie zu überspielen versuchten, eine innere Unruhe, die sie alljährlich in der Mittsommernacht ergriff. Aber dies ging nicht nur den Beiden so. Alle starrten immer wieder zum Himmel hinauf und hofften, dass endlich das Band der Wolken riss. Dieser Tag war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Seit Beginn der Herrschaft Morodans erschien immer zu mitternächtlicher Stunde der heilige Stein der Götter. Ein Stern, der alles Land um sie her erhellte, eine Wärme ausstrahlte, die alle erkalteten Herzen schmelzen ließ. Wenn der Stein am Firmament erschien, dann schöpften die Menschen neue Hoffnung und ihr Geist füllte sich mit Glückseligkeit. Auf diesen bewegenden Moment warteten alle.
   Die Zeit der Wahrheit rückte näher und näher und plötzlich war es soweit. Jeder spürte einen warmen Luftstrom auf der Haut. Er kam wie immer aus dem Süden und trieb die riesigen Wolkenberge vor sich her. Und dort wo sie vertrieben und in Luft aufgelöst waren, blinkten tausend Sterne. Der Mond tauchte silber strahlend am Himmel auf und erleuchtete die Erde. Gebannt sahen alle nach oben und hielten den Atem an. Und plötzlich war er da, der Stein der Hoffnung. In glänzendem Schein erstrahlte er hell und klar. Ein Licht von Liebe und Zuversicht. Ein jedes Wesen war berauscht von dem Anblick. Die einen schöpften Kraft für die Zukunft und die anderen, die dunklen Kreaturen, befiel Angst. Ein Gefühl, das sie nicht einzuordnen wussten und sie schaudern ließ. Das war der Moment, indem die Orks und die finsteren Gestalten der Nacht in die Berge flüchteten, in die alten Steinhäuser oder in die Dunkelheit des Waldes.
 
   Ben und Max schauten voller Sehnsucht in den Sternenhimmel und hatten doch nur den Blick für den schönsten Stein dort am Firmament. Ihre Herzen pochten lauter als sonst, und die Zuversicht in eine bessere Zukunft schien greiftbar. Doch plötzlich geschah etwas Unfassbares. Der Stein eben noch einen strahlender Stern, wurde von einem gewaltigen Blitz getroffen. Ohrenbetäubenden Lärm erschütterte die Atmosphäre, Funken stoben herab und schließlich erhellte ein gleißend, grelles Licht die Erde. Nicht nur in Dumbaraton, überall auf der Welt hielten Menschen, Zwerge und Elben den Atem an, als sie sahen, dass der Stern mit lautem Tosen zerbrach. Vier Bruchstücke mit riesigem Feuerschweif sanken hernieder. Ein Teil verschwand im Osten, ein anderer im Westen und die zwei letzten im Süden und Norden der Erde.
 
   Ein jeder spürte es. Unfassbares war geschehen. Die Menschen hielten den Atem an und blickten gebannt, den Feuerschweifen nach. Konnte das wahr sein, was soeben geschehen war? Sie hefteten ihre Augen ans Firmament, gebannt von dem Schrecken, der sich ihnen bot. Allmählich erlosch das sterbende Licht der Bruchstücke. Irretiert schauten sich die Menschen und hoffnungsvollen Wesen um sich. Doch außer Entsetzen und dem Blick der Verstörtheit war nichts zu entdecken. Leise hallten im Wind unheimliche Laute. Es hörte sich schrecklich an. Eine Sprache, die so furchtbar und grausam klang, dass die Laute in Ben und Max Ohren schmerzten. Sie konnten ihre Augen nicht von dem Geschehen lassen. Wie gebannt starrten sie dem Schauspiel zu. Keiner von beiden hätte es in Worte fassen können, doch sie wussten, es war etwas Fürchterliches geschehen. Als hätte man ihnen die Energie geraubt, so schnell sanken ihr Mut, ihre Zuversicht und die klamme Hoffnung auf ein besseres Leben. Ihre Herzen wurden zu Blei, schwarz und dunkel. Sie fühlten sich plötzlich müde und kraftlos, aber unfähig sich dem Geschehen zu entziehen. Noch immer ungläubig starrten sie hinauf zum Firmament und schauten den vier Kometen nach, die sich in der Ferne hernieder senkten. Wie gebannt, starrten sie auf die verbliebenen Sterne, in der Hoffnung, sie würden heller strahlen oder die nötige Zuversicht verkünden. Doch nichts dergleichen geschah. Ben wollte sich schon abwenden, als sich plötzlich das Firmament schlagartig zu einem schwarzen Klumpen kalten Nichts verdunkelte. Er fühlte in diesem Moment, dass sich etwas Gewaltiges ereignen würde. Er konnte nicht richtig denken, es schien als hätte eine unbeschreibliche Macht seinen Geist umhüllt.
   Es gab kaum außer Ben kein einziges Wesen in ganz Midgard, welches dieses tragische Ereignis nicht beobachtet hatte. Viele starrten ungläubig in die finstere Weite, Frauen und Kinder weinten, andere erfasste tiefer Kummer oder untröstliche Wehmut. Aber etliche Wesen lachten auch. Dies waren die Kreaturen des Bösen, die wussten, dass ihr Herr und Meister, Morodan, den Völkern ihre letzte Hoffnung geraubt und den Göttern seine Macht vorgeführt hatte.
 
   In den Herzen der Menschen erlosch der letzte Keim schwelender Hoffnung und an deren Stelle trat eine abgrundtiefe Leere. Verzweiflung spiegelte sich in fassungslosen Gesichtern. Stumm starrten sie in die schwarze Nacht, als sich plötzlich vor allen Augen erneut das Firmament bis hin in die endlose Weite des Universums öffnete. Zunächst konnte man in dem gigantischen Spalt lediglich einen blassblauen Schein erkennen. Doch überdeutlich sah man, dass sich etwas mit unglaublicher Geschwindigkeit der Erde näherte. Immer klarer wurden die Konturen, bis auf einmal große, wehmütig blickende Gesichter zu sehen waren. Weibliche und männliche, aber sie erschienen weder jung noch alt, noch kindlich oder gar reif. Keiner hätte sagen können, wie viele Jahre diese Kreaturen erlebt hatten. Doch man spürte, dass diese Wesen von makelloser Schönheit die Ewigkeit verkörperten. Aber es passte so gar nicht zu ihrem äußeren Erscheinungsbild, dass diese reinen Wissenden so ernst blickten. Ein grimmiger Zug verfinsterte ihre wohlgestalteten Mienen.
   Die Menschen fielen auf die Knie und wagten kaum zu atmen. Sie wussten, wer gekommen war, um nun über sie zu richten: die Götter in leibhaftiger Gestalt.
   Doch das Augenmerk des Gottvaters und seiner göttlichen Schar war nicht auf die Völker Midgards gerichtet. Nein, sie starrten auf einen imaginären Punkt der Erde und hefteten ihre Augen auf etwas, dass scheinbar nur sie sehen konnten. Die entstandene Stille wurde durch den klaren Klang einer nicht irdischen Stimme übertönt. Eine Stimme so schön wie der frühe Morgen, wie ein Tautropfen auf einem Blütenblatt. Doch sie wandelte sich in Zorn und es ertönten auf einmal ernste Worte. Erregte Gefühlte vermischten sich mit machtvoller Strenge und strafender Missbilligung. Kein anderer als Odin selbst, verurteilte den machthungrigen Shiomani und verurteilte ihn. Konnten die Völker tatsächlich ihren Ohren trauen? Erhielt Morodan endlich die Strafe für sein maßloses, selbstgefälliges Tun? Hatte er sich den Zorn der Götter zugezogen? Das schien unfassbar und doch hatten sie alle den Worten Odins gelauscht und sein Orakel deutlich vernommen.
   Als sich schließlich der Spalt wieder schloss, hallten noch immer die göttlichen Worte in Thors warmen Winden. Und in den Wogen seiner Arme sank eine Gestalt zur Erde herab, die schimmernder Glanz umgab. War dieses Wesen auserwählt, ihr Schicksal zu entscheiden? Mit einem Mal schien es mehr Fragen als Antworten zu geben. Der Stern der Hoffnung war zwar erloschen, doch nun erwachte etwas anderes. Nicht nur eine vage Zuversicht, sondern ein Gedanke, ein Feuer voller Glauben.
    Noch lange standen die Menschen regungslos und rührten sich nicht. So unwahrscheinlich es schien, doch all ihre Gebete waren endlich von den Göttern erhört worden. Erst nach und nach verinnerlichten sie die unfassbare Wende ihres Schicksals. Der Stern der Hoffnung war zwar untergegangen, doch nun war ihnen eine Waffe in die Hand gegeben, um den dunklen Herrscher zu bezwingen. Sie mussten nur die vier Teile des Steins finden und ihn wieder zusammenfügen. Dann endlich würde die Macht Morodans erlöschen. In der dunklen Zeit war dies zwar ein vager Hoffnungsschimmer. Doch erstmals glühte plötzlich in den Menschen das Feuer der Hoffnung, stärker als es je gebrannt hatte. Ein Wunsch wurde zum geflügelten Wort.
   Vier Bruchstücke galt es vor Morodan zu finden. Und jeder in ganz Dumbarton wusste, sie würden alles tun, damit der Herrscher der Finsternis das Bruchstück des Nordens nicht in seine Hände bekam. Er brauchte alle vier, um sie zu einen. Ein jeder dieser Stadt, der das Schauspiel gesehen hatte, spürte mit einem Mal die Bedeutung, dass dieser Shiomani niemals in den Besitz des Nordsteins kommen durfte.
 
 
 
 „Den Namen des Rechtes würde man nicht kennen, wenn es das Unrecht nicht gäbe.”
 
DRITTES KAPITEL
 
PLÄNE
 
 
 
                                                            Sechs Tage waren vergangen nach dem Unheil in der Mittsommernacht. Auch wenn das Ereignis furchtbar war, so gingen doch damit unglaubliche Veränderungen einher. Die Menschen hatten eine noch größere Hoffnung gewonnen, als all die Jahre zuvor. Auch die Natur blieb von diesem Vorfall nicht unberührt. Deutlich spürte man den Anstieg der Temperaturen in jeder Region Midgards. Der Schnee begann zu schmelzen und das erste Grün reckte seine Spitzen aus den weißen Feldern. Selbst in die scheinbar toten Bäume kehrte das Leben zurück und zarte Triebe schlugen aus. Frühlingsglocken entfalteten ihre noch kleinen Köpfchen und aus der feuchten Erde krabbelten unzählige Käfer, die sich schon bald zu hunderten auf dem Waldboden tummelten. Nach einem langen, fünfzehnjährigen Winter kamen sie nun aus ihren Löchern hervorgekrochen. Vögel flogen umher und zwitscherten. Insekten schwirrten inmitten der wärmer werdenden Winde.
   Bentharo und Maxopher gingen in jedem freien Augenblick auf Erkundungstour. Im ewigen Winter geboren, hatten sie noch nie einen Frühling erlebt. Jeder neue Tag beschenkte sie mit faszinierenden Erlebnissen und sie verankerten ihre Eindrücke unauslöschlich im Gedächtnis. Das war eine ganz andere Welt, unendlich reich und schön. Staunend liefen sie über triefendes Gras und atmeten die würzige Luft. Ihre Herzen schlugen in einem wilden Rhythmus und sie waren erfüllt von unbeschreiblichem Glück. Obwohl sich ihr Sklavendasein nicht wesentlich geändert hatte, ertrugen sie ihr Leid auf andere Art. Sie suchten lange nach dem richtigen Ausdruck und sie fanden, leicht und beschwingt traf ihre neue Stimmung ziemlich genau. In ihnen regte sich ein Gefühl von Freude, das stärker war als jeder Schmerz. Die Arbeit ging ihnen besser von der Hand und selbst die Schläge der Orks waren unter diesen Umständen einfacher zu ertragen.
 
   Maxopher arbeitete wie jeden Tag von Morgens bis Abends in der Schmiede. Er schürte das Feuer und ließ den Hammer schwungvoll auf den Amboss krachen. Das Eisen glühte und Funken stoben. Seine Muskeln spannten sich unter der Haut und Schweiß stand ihm auf der Stirn. Doch er bemerkte nichts davon. Er wartete auf den Moment, dass er die Arbeit beenden durfte, um dann mit Ben am See oder in den Wäldern umherzustreifen. Auch an diesem Abend konnte er die Zeit kaum erwarten. Als er endlich gehen durfte, wartete sein Freund bereits auf ihn und sie stürmten johlend dem dunklen Saum entgegen, der sich hinter den Häusern von Dumbarton verbarg. Die Sterne waren schon klar und deutlich am Firmament zu sehen, als Max nach Hause ging. Leise stieg er die schmale Holztreppe nach oben und ging in die Kammer, die er sich mit seiner Schwester teilte. Schwer atmend ließ er sich aufs Stroh fallen und schloss die Augen. In seinen Gedanken schwirrten die neuen Eindrücke des Tages und er genoss das berauschende Gefühl.
   Es mochten wenige oder viele Zeitstriche vergangen sein, genau konnte er das nicht mehr sagen, aber irgendetwas erregte seine Aufmerksamkeit. Den Geräuschen nach schlich jemand im Haus umher. Sofort war Max hellwach und lauschte an der Kammertür. Leise entfernten sich Schritte. Womöglich ein Dieb? Doch was konnte er schon stehlen? Bei ihnen gab es nichts Lohnenswertes zu holen. Vorsichtig öffnete er den Riegel und hörte angespannt in den dunklen Raum unter ihm hinein. Er konnte nichts mehr hören und so schlich er lautlos die Treppe hinunter. Gerade konnte er noch sehen, dass die schwere Holztür leise klickend ins Schloss fiel. Wer war in das Haus seiner Familie eingedrungen und was hatte er gewollt? Seine Neugier wollte befriedigt werden. Er griff seine Jacke vom Haken, zog sich rasch seine ausgetretenen Schuhe über und öffnete leise die Tür, um dem Eindringling zu folgen. Er hielt kurz inne und überlegte, seinem Vater von diesem Vorfall zu berichten. Doch dann war der Fremde womöglich fort und das Geheimnis mit ihm. Außerdem konnte er ihm ja auch später noch davon erzählen und sogar Ergebnisse präsentieren? Kurz entschlossen trat er ohne noch einmal zu zögern hinaus in die kühle Nacht.
  
   Es war schwierig dem Mann auf den Fersen zu bleiben. Manchmal wollte er schon resignieren, weil er den Eindruck hatte, die Fährte verloren zu haben. Doch dann sandte ihm Fortuna eine gehörige Portion Glück und verhalf, die Spur wieder zu finden. Der Weg führte ihn nordwärts aus der Stadt heraus. Schließlich verschwand der Unbekannte im Unterholz des Waldes. Meile um Meile legte Max hinter ihm zurück und sein Herz pochte heftig in der Brust als er merkte, dass sie sich dem Stonecircle näherten. Dies war ein durch und durch mystischer Ort, um den sich viele unheimliche Geschichten rankten. Angeblich hausten dort die Geister und noch Schlimmeres, so zumindest erzählten es die Leute im Ort. Max zitterte ein wenig und er fragte sich, ob die Angst oder die Kälte Ursache hierfür war. Was um alles in der Welt wollte der Eindringling hier? Es war sicher klüger, wenn er umkehrte und nach Hause ging. Gerade wollte er sich abwenden, als seine Aufmerksamkeit von einem Lichtschein angezogen wurde. Es schien, als hätte jemand im Stonecircle ein kleines Feuer gemacht. Max schlich näher heran. Dann sah er den Schein deutlich. Die riesigen Steine warfen lange, windschiefe Schatten. Völlig gebannt starrte Max auf den hellen Fleck inmitten des Kreises und rührte sich nicht. Sein Atem ging schnell und er zwang sich zur Ruhe. Der Unbekannte, dem er bis hierhin gefolgt war, strebte dem Kreis entgegen und verschwand hinter einem hoch aufragenden Felsbrocken. Vorsichtig kroch er hinter dem Busch hervor und schob sich auf dem Bauch liegend zu den Steinen hinüber.
   Immer mehr näherte er sich dem unheimlichen Ort, als ihn schließlich das Entsetzen packte. Dort waren noch mehr Leute als nur der Fremde. Im Zwielicht zählte er mindestens acht. Während er noch darüber nachdachte, was er nun tun sollte, stockte ihm plötzlich das Herz. Unweit vom ihm, tauchte wie aus dem Nichts eine Wache auf und näherte sich der Stelle, an der er lag. Angst breitete sich in seinen Gedärmen aus und ihm war speiübel. Er betete zu den Göttern, dass der Mann ihn nicht bemerkte. Unbeweglich harrte er aus und schloss seine Augen, damit kein reflektierender Schein das Weiße traf. Unablässig schalt er sich einen Narren und verfluchte seine Dummheit. Aber es nutzte ihm in dieser Situation nichts. Immer wieder sandte er zu allen Göttern Stoßgebete und hoffte, dass sie sein Flehen erhörten. Doch die Schritte kamen näher. Nun hielt Max auch noch den Atem an und schmiegte sich so flach er konnte auf den Boden. Seine Angst aber breitete sich aus, wurde übermächtig und raubte ihm fast den Verstand. Schließlich hielt er es nicht länger aus und blinzelte mit einem Auge, schaute nach dem Wächter. Dieser war stehen geblieben und musterte den Saum des Waldes. Ein halbe Ewigkeit schon starrte er in die Bäume, als er sich plötzlich umdrehte und langsam den Weg zurückging. Maxopher begriff, das dies seine einzige Chance war, aus der Falle zu entkommen. So schnell wie möglich, robbte er rückwärts, fort von den Steinen und den Gestalten, die sich dort aufhielten. Dass hier etwas nicht Ordnung war, brauchte man ihm nicht erst sagen. Seine Abenteuerlust war ihm gründlich vergangen. Er schwor, sich nie wieder in solch eine Lage zu begeben, wenn er nur lebend davonkam. Als seine Füße den rettenden Busch berührten, hätte er am liebsten geweint. Zitternd verbarg er seinen Körper im schützenden Blattwerk und rührte sich nicht. Ab und zu ließ er seinen Blick hinüber in den Steinkreis schweifen. Die schattenhaften Gestalten, die er für böse Geister hielt, führten wahrscheinlich böse Rituale aus und wenn sie ihn erwischten, wäre sein Blut ihnen sicher sehr willkommen. Wie lange er hier warten musste, bis alles vorbei war, wusste er nicht. Doch er hatte keinesfalls vor, sich durch eine unbedachte Bewegung zu verraten. Und wenn er Tage hier ausharren musste, er würde still liegen bleiben. Sein Herz hämmerte unablässig und pochte wild in seiner Brust.
   Max hatte kein Zeitgefühl mehr. Es wusste nicht, ob es zwei oder fünf Striche nach Mitternacht waren, als allmählich die Dämmerung einsetzte. Ein Blick zum Stonecircle genügte, um zu erkennen, dass die Schatten sich auflösen. Die Geister dort löschten das Feuer und vergruben irgendwas in der Erde. Einer nach dem anderen verließ den unheimlichen Ort. Was hatte das alles nur zu bedeuten? Plötzlich bewegte sich eine der Gestalten in seine Richtung. Das war eindeutig einer dieser grauenhaften Riesen, von denen er bereits mehr als nur eine schauerliche Geschichte gehört hatte. Max starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Immer näher kam das Wesen. Ohne zu atmen wünschte er sich, dass die Erde ihn verschlucken möge. Doch nichts dergleichen geschah. Wäre er nur zu Hause auf seinem Strohsack geblieben, dachte er, dann wäre er jetzt nicht in so einer prekären Situation. Der Riese erreichte den Busch und Maxopher konnte einen kurzen Blick auf dessen Gesicht werfen. Was er sah, raubte ihm gänzlich den Verstand. Er wich verstört zurück und fiel in eine lähmende Starre.
 
   Die Sonne war längst aufgegangen, als sich Max aus dem Buschwerk erhob. Schwankend trabte er ins Unterholz, unfähig einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Als er endlich die Schmiede erreichte, viel zu spät, schlug einer der wachhabenden Orks auf ihn ein. Sein Vater blickte nur kurz auf. Seine Miene verzog sich zu einer wütenden Grimasse. Es war schwer für ihn, mit anzusehen, was seinem Sohn angetan wurde. Aber was konnte er schon ausrichten? Merkwürdigerweise mied Max seinen Blick. Stoisch trottete er zur Feuerstelle und begann mit der Arbeit.
   Es war schon früher Abend und noch immer brannten die Feuer in den Öfen heiß. Es schien, als wäre Max gar nicht anwesend. Während des Tages schlug ihn zwei Mal ein Ork, weil er das glühende Eisen fallen ließ. Doch seinem Sohn schien das nur wenig zu kümmern. Was hatte er Bursche nur? Warum verhielt er sich so seltsam? Und obwohl er ihn nicht aus der Schmiede entlassen hatte, rannte Max nach getaner Arbeit fort. Müde von der Arbeit ließ der Vater den Hammer sinken und grübelte. Schließlich erhob er sich und ging hinunter zum Kai. Dort stand sein Sohn und blickte sehnsüchtig hinauf aufs Wasser. Wie immer wartete er darauf, dass die Fischerboote endlich kommen würden.
 
   Der Vater beobachtete ihn und stellte fest, dass aus seinem kleinen Jungen inzwischen ein kräftiger, gut gebauter Mann geworden war.
   Max bemerkte ihn zunächst nicht. Er starrte auf den Ladoghasee und hoffte, bald die blinkenden Segel zu sehen. Erst als er die raue Stimme seines Vaters vernahm, sah er sich erschrocken um.
   "Wartest du auf Ben?"
   Maxopher zuckte mit den Schultern und schaute ihn mit gleichgültiger Miene an.
   "Komm, lass uns ein Stück gehen", sprach der Vater und seine Worte duldeten keinen Widerspruch.
   "Aber die Boote werden bald kommen!", warf Max verzagt ein.
   "Das hat Zeit", sagte der Alte und legte den Arm um seinen Sohn. Er führte ihn aus dem Hafengelände heraus und schweigend gingen sie nebeneinander her. Sie ließen die Häuser der Stadt hinter sich und entfernten sich allmählich aus Dumbarton. Als die letzte Scheune hinter ihnen verschwunden war, bogen sie nach links weg und folgten einem ausgetretenen Pfad, der am Ufer des Sees entlangführte. Mehrfach sah sich sein Vater um und wurde erst ruhiger, als merkte, dass ihnen niemand folgte.
   "Was soll das Ganze?", fragte Max schnippisch und brach damit das Schweigen.
   Der Schmied betrachtete seinen Sohn von oben bis unten. Dann sprach er: "Warum war dein Verhalten heute so sonderbar?"
   "Wie meinst du das?", fragte Max mit unschuldigem Blick.
   Missbilligend sah sein Vater auf ihn herab. "Das weist du sehr wohl. Noch nie ist es vorgekommen, dass du das Eisen hast zweimal fallen lassen und noch nie habe ich einen solchen Ausdruck in deinem Gesicht gesehen, als die Orks dich geschlagen haben. Es schien, als spürtest du keinen Schmerz. Dann deine übertriebene Eile, endlich die Schmiede zu verlassen. Alles Dinge, die nicht recht zu dir passen. Auch wenn ich schon alt bin, so musst du doch nicht denken, du könntest deinen Vater täuschen."
   Maxopher senkte seinen Kopf und starrte auf seine Schuhe.
   "Also, was gibt es so wichtiges, was du mit deinem Freund besprechen möchtest?"
   "Ich bin dir letzte Nacht gefolgt", flüsterte Max leise.
   Der alte Schmied wurde aschfahl und der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Er sammelte seine Gedanken und blickte sich unruhig um. "Bist du verrückt geworden? Ich kann nicht glauben, was du getan hast. Du spionierst mir nach?"
   "Nein!", grollte Max. "Ich dachte, ein Dieb schleicht durch unser Haus und ich bin ihm gefolgt. Ich wusste nicht, dass du dich heimlich davonschleichst, um dich mit den dunklen Geistern der Unterwelt zu treffen!"
   "Wovon redest du da bloß?"
   "Du musst nicht so tun, als wüsstest du nicht, wovon ich spreche. Ich folgte dir bis zum Stonecircle und dort habe ich die Geister gesehen, mit denen du dich in der Nacht triffst! Unheilvolle Gestalten, die einem die Seele rauben."
   Sein Vater musterte jeden Baum und Strauch in ihrer Nähe, hielt einen Finger auf die Lippen und flüsterte: "Nicht so laut. Das, was du gesehen hast, musst du für dich behalten, um jeden Preis!"
   "Aber..."
   "Nichts aber. Das ist mein letztes Wort. Niemand darf erfahren, was du beobachtet hast.“
   Max schaute verängstigt in das verhärtete Gesicht seines Vaters. „Wie konntest du Mutter und mich nur so…“
   „Still!“ Der Schmied sah sich um und blickte dann lange in die Augen seines Sohnes. „Du bist nicht mehr der kleine Junge, der abends auf meinem Schoß sitzt und den Geschichten von Mutter lauscht. Du bist schneller erwachsen geworden, als ich es für möglich gehalten habe.“ Traurig ließ er seine Pranke auf der Schulter von Max ruhen. „Was du getan hast, war falsch. Doch du wusstest es nicht besser. Also sollst du die Wahrheit erfahren. Die Geister, die du gesehen hast, waren Menschen wie du und ich. Menschen aus Fleisch und Blut. Doch nicht irgendwer, sondern der Widerständler Wulfen Torsdrap und einige seiner Gefolgsleute.“
   Max riss die Augen auf und seine Knie wurden weich. Sein Vater traf die gefürchteten Widerständler, die Tod und Unheil brachten? Er zitterte.
   „Alle Leute aus Dumbarton die mit mir dort waren, sind des Todes wenn jemand auch nur ein Sterbenswort davon erfährt“, fuhr sein Vater fort. „Es ist schwierig genug, solch ein nächtliches Treffen zu planen und dann auch noch geheim zu halten."
   Max starrte seinen Vater fassungslos an. Er hatte schon viel von Wulfen Torsdrap gehört, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Er war ein Geächteter, verfolgt von den Mächten des Bösen. Ein Treffen mit ihm, glich einem Todesurteil. "Wieso triffst du dich mit diesem Mann?", stotterte er halblaut.
   Der Schmied seufzte. "Warum nur konntest du nicht schlafen wie jede andere Nacht auch? Verrückt, dass ausgerechnet du mir gefolgt bist", sprach er kopfschüttelnd und in seinen Augen glomm Furcht, als er seinem Sohn anblickte. Seine Worte waren mehr gehaucht, als gesprochen, als er sagte: "Wulfen setzt alles daran, das östliche Bruchstück des Hoffnungssteins zu finden, damit es Morodan nicht möglich ist, alle vier zusammenzusetzen. Dafür sucht er Männer, die ihm dabei behilflich sind."
   Max starrte seinen Vater an und der Mund stand ihm offen. Er brauchte eine Weile, um sich der Tragweite der Worte bewusst zu werden. "Willst du mit ihm gehen?“, fragte er schließlich und ahnte bereits im Voraus die Antwort seines Vaters.
   Traurig blickte der Schmied drein und die Worte fielen ihm sichtlich schwer, die er nun sagte: „Ja, ich werde mit Wulfen gehen.“              
   Und so schnell wie ein Pfeil schoss aus dem Mund seines Jungen die Entgegnung: „Wenn du gehst, werde ich dich mit dir kommen!"
   "Du kannst mich nicht begleiten, Max! Es ist viel zu gefährlich. Außerdem muss sich jemand um die Schmiede kümmern. Deine Mutter und Saskia schaffen das nicht allein."
   "Ich ... ich ...", stammelte Max. "Ich möchte nicht, dass du uns verlässt."
   Der Schmied schüttelte betrübt den Kopf. "In den letzten Jahren habe ich unzählige lieb gewonnene Menschen und gute Freunde verloren. Es muss etwas getan werden. Das ist eine einmalige Chance und jeder wird gebraucht, aber jeder an seinem Ort. Du gehörst nach Dumbarton zu Mutter und Saskia. Ich möchte nicht riskieren, dich auch noch zu verlieren!"
   Maxopher wollte widersprechen, doch als er den bittenden Blick seines Vaters sah, nickte er niedergeschlagen.
   "Komm Junge, lass uns noch ein wenig gehen!", sprach der Vater und sie liefen gemeinsam weiter am Ufer entlang. Max fühlte sich elend. Er würde seinen Vater verlieren, er spürte es und seine Seele wand sich in der Qual dieser Tatsache. Wütend trat er einen Stein ins Wasser. Sein Vater umschloss mit seinen starken Armen die Schultern seines Sohnes und drückte ihn an sich. Max blickte in das zerfurchte Gesicht seines alten Herrn. Trotz der vorangeschrittenen Jahre sah er die Entschlossenheit und den Wille, zu tun, was getan werden musste. Das Herz wurde ihm schwer und es gab nichts, das ihn in dieser Situation trösten konnte. Nicht einmal Ben konnte ihm jetzt helfen. Denn er durfte ja nichts von dieser Unterhaltung und seinem nächtlichen Ausflug wissen. Er seufzte. Max wäre so froh gewesen, mit seinem besten Freund darüber reden zu können. Doch Vater hatte ihm gesagt, was er davon hielt und er hatte sein Wort gegeben, mit niemanden darüber zu sprechen. Als Vater und Sohn die Schmiede erreicht hatten, ging Max ohne Umschweife nach oben verschwand sofort in seiner Kammer. Er ließ sich auf sein Strohbett fallen und richtete seine Augen auf die Balken an der Decke. Seine Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum und er fand keine Ruhe.
 
 
   Einige Tage später traf sich Maxopher erneut mit seinem Freund. Sie hatten sich am Waldrand verabredet und übten mit ihren selbst gefertigten Bogen das Schießen. Verbissen versenkte Max seine Pfeile in die aufgemalten Kreise. Er zielte und traf jedes Mal, fast so als hinge sein Leben davon ab, keinen einzigen Schuss der Leere zu verantworten. Schon seit Tagen spürte Ben eine Veränderung im Verhalten seines Freundes. Am liebsten hätte er ihn gefragt, was in ihm vorging, denn normalerweise hatten sie keine Geheimnisse voreinander. Doch es musste etwas vorgefallen sein, das so unaussprechlich war, dass sein Freund beharrlich schwieg. Max bedrückte offensichtlich schwerer Kummer und doch ahnte Ben, dass nichts die Zunge seines Freundes lockern würde. Sie trennten sich an diesem Abend, als die Sterne am Firmament bereits zu sehen waren und wie immer trottete Max betrübt zur Schmiede. Ben sah ihm noch eine Weile nach und ging dann ebenfalls nach Hause.
   Wortlos betrat Maxopher die Wohnstätte seiner Familie. Er sah nicht auf, als Mutter und Saskia ihn erfreut begrüßten. Er schlang das Abendmahl rasch herunter und dann ging er schlafen. Lange lag er wach in seinem Bett und blickte durch die schmale Öffnung hinauf in den nächtlichen Himmel. Innerlich hatte er gehofft, das Treffen mit Ben würde ihn ablenken, aber es war nur schlimmer geworden. Schließlich schloss er seine Augen und schlief einen unruhigen Schlaf.
   Am frühen Morgen wachte Maxopher beunruhigt auf. Schwere Schläge an der Tür hatten ihn geweckt. Sofort waren all seine Sinne mobilisiert und er lauschte, ob weitere Schübe des Gehämmers folgen würden. Die Dämmerung hing wie ein dichter Nebel über dem Haus. Aus irgendeinem Grund öffnete sein Vater nicht. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Schnell fuhr er in seine langen Hosen, zog sich die Stiefel über und rannte die Treppe nach unten. Erneut krachten Fäuste an das Holz der Außentür und der Lärm schallte in seinen Ohren. Er spürte, wie sich Furcht in seiner Magengegend breit machte. Als er die Tür erreichte, splitterte bereits der erste der schweren Balken. Max riss die Verriegelung auf und die Tür sprang aus den Angeln. Fünf grimmige Orks blickten ihn finster an. Ohne etwas zu sagen, drangen sie in das Haus ein und stießen ihn an die Wand. Sein Mund wollte eine Frage formen, doch eine Faust traf ihn am Kopf, bevor er sie stellen konnte. Ein zweiter Ork schlug nun ebenfalls auf ihn ein, so lange, bis er auf dem Boden lag und sich nicht mehr rühren konnte. Sein rechtes Auge schwoll heftig an und mit dem anderen war das Sehen ohnehin schon getrübt, so stark, dass er nur noch blinzeln konnte. Von weiter Ferne hörte er Mutter und Schwester schreien. Was taten diese Bestien den beiden an? Mit letzter Kraft wollte er sich vom Boden erheben. Doch ein neuer Schlag wuchtete ihn auf die Holzbohlen zurück. Verschwommen betrachtete er den Ork, der das getan hatte. Was war geschehen? Was wollten diese widerlichen Finsterlinge? Was nur hatten sie getan, dass sie so früh am Morgen in ihr Heim drangen, ihn und seine Familie schlugen? Doch statt einer Antwort erhielt er einen neuerlichen Hieb auf seinen Kopf und um ihn her wurde es immer dunkler, bis er schließlich im Land des Vergessens war. Es war wie eine Erlösung. Er konnte nicht mehr denken und spürte keinerlei Schmerz. Er hörte nicht die Schreie seiner Mutter, die immer grässlicher wurden und auch die Laute seiner Schwester drangen nicht mehr in sein benebeltes Hirn. Seine Lippen bewegten sich vage, er wollte etwas sagen, doch er wusste nicht mehr was sie fragen wollten. Dann erlößte ihn endlich die Stille und die Finsternis, die sich wie ein bleierner Gürtel um ihn legte.
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