ELVINHA
 
 
 
                                   Godhien ritt so schnell er konnte am Flusslauf der Núne-Riana südwestwärts Richtung Harlond. Zunächst säumten seinen Weg unzählige Felder. Später gelangte er in die dichten Wälder. Die Bäume auf der linken und rechten Seite des Ufers ragten hoch hinauf, bis zu den tiefhängenden Wolken. Namenlose Giganten, sattgrün und reich an dichtem Blattwerk. Viele Stunden änderte sich diese Landschaft nur wenig.
   Nachdem er die Stadt verlassen hatte, bemerkte er recht schnell, dass sich ihm Verfolger an die Fersen geheftet hatten. Doch geschickt leitete er sie in die Irre und machte ihnen Glauben, dass sein Weg nach Norden führte. Schließlich konnte er sie abgeschütteln.
   Nachdem er drei Tage geritten war, sah er im Fluss einen riesigen Felsen, der den Strom in zwei Läufe teilte. An dieser Stelle wurde die Nune-Riana ein unberechenbares Gewässer. Gefährliche Untiefen und reisende Strudel konnte Godhien erkennen. Die dunkle Gischt schäumte über den riesigen Brocken hinweg. Tausend Wassertropfen glitzerten dabei im Licht der Sonne. Es entstand der Eindruck, als wäre das Wasser erbost, dass ein Hindernis seinen Lauf behinderte. Mit aller Wucht brandete es tosend gegen die Klippe. Doch der Fels hielt unerbittlich dem stetigen Ansturm der Fluten stand. Nur seine Oberfläche war in den vielen Jahrhunderten glatt gewaschen.
   Auf der geheimnisvollen Karte war dieser große Stein als Markierung eingezeichnet. Ab hier musste er den Strom verlassen und ostwärts reiten. Godhien füllte seinen Wasserschlauch auf, denn ihm war die Gegend unbekannt und er konnte nicht wissen, wann er auf ein Quelle im Wald stoßen würde. Dann verließ er schließlich das Flusstal. Wenig später war er im dichten Unterholz der Wälder verschwunden.
 
***
 
   "Wir haben ihn verloren!", schrie Elberon wütend.
   "Der Herr wird das sicher nicht gutheißen!"
   "Nicht gutheißen, nicht gutheißen! Wegen euch beiden Dummköpfen haben wir ihn überhaupt erst aus den Augen verloren! Lasst mich nachdenken! Sucht lieber Brennholz für ein Feuer. Die Nacht bricht bald herein und die wilden Tiere warten nur darauf, frisches Fleisch zwischen die Zähne zu bekommen! Da kommt ihr beiden gerade recht. Schert euch endlich fort!"
   Die beiden Roskinen verschwanden lautlos im Dickicht der Wälder. Seit einem halben Tag irrten sie nun schon umher. Erst war die Spur des Pferdes des Magiers noch deutlich auf dem Boden abgezeichnet gewesen. Schließlich wurde sie schwächer und schwächer, bis sie gänzlich verschwand. Ihr elbischer Meister war seitdem sehr wütend und sie wussten, der Statthalter Deferier würde noch viel heftiger erzürnt sein und sie womöglich hart bestrafen. Als sie schließlich mit reichlich Brennholz zurückkehrten, saß Elberon noch immer schweigend am Ufer der Núne-Riana. Er warf gedankenverloren Steine in das Wasser. Leise entfachten sie ein kleines Feuer und betrachteten ihren elbischen Herrn. Sie waren ihm zur Lehnstreue verpflichtet und dienten ihm schon, so weit sie zurückdenken konnten. Ihr Gebieter war ein Elb des Seevolkes und bewohnte das größte und schönste Haus der Stadt. Das Dach seines Hauses funkelte golden und die Fenster waren aus geschliffenem Bergkristall. Ein Reichtum, den kaum ein anderer in Lindisfarena vorweisen konnte. Der Fußboden war aus reinstem Marmor und die Dielung aus dem weißen Holz der Albalonbäume. Wunderschöne Bilder in den schönsten Farben, einst gemalt von den besten Malern der Stadt, zierten das riesige Deckengewölbe und an den Wänden hingen Teppiche, die mit Gold- und Silberfäden gewirkt waren. Edelsteine glitzerten im gesamten Haus und mit einem merkwürdigen Licht gefüllte Lampen erhellten selbst in der Nacht das riesige Anwesen. Elberon war nach dem Statthalter der reichste Mann in der Stadt. Beide standen sich sehr nahe und Deferier ging fast täglich bei dem einflussreichen Elben ein und aus. Doch nicht nur die Freundschaft der beiden war der Grund für seine vielen Besuche bei Elberon. Die Tochter des Elben hatte das Feuer in seinem Herz entfacht. Er schickte ihr Blumen und süße Köstlichkeiten. Doch die junge, schöne Elvinha zeigte keinerlei Regung.
   Deferier wurde schließlich wütend, da sie sein Werben nicht erhörte. Immer wieder fragte er sich, was er falsch machte. Dann aber war er nur noch erzürnt. Was bildete sich dieses Frauenzimmer eigentlich ein? Wie konnte sie es wagen, den Regenten der Stadt und des Landes abzuweisen? Dies durfte sich niemand ungestraft erlauben, schon gar nicht eine Frau! So einfach kam sie ihm nicht davon. Für diese Schmach würde sie büßen müssen. Doch Rache üben war nicht möglich. Ihr Vater, Elberon, behütete sie wie seinen Augapfel. Deferier überlegte, was er tun könnte und kam schließlich zu dem Schluss, dass er den Elben für eine Weile loswerden müsste. Doch wie? Dass ihm keine Lösung für dieses Problem einfallen wollte, ärgerte ihn noch am meisten. Fast zwanghaft sann er nun schon täglich auf eine List, wie er Elberon aus der Stadt locken könnte. Doch es wollte ihm nichts Rechtes einfallen und es ergab sich auch keine Möglichkeit, die sein Vorhaben begünstigte.
   Schließlich kam sein geliebter Sohn zurück in die Stadt und er war zunächst abgelenkt. Aber schon bald trieb ihn wieder die Sehnsucht nach der stillen, wunderschönen Elvinha zurück in das Haus des Elben.
   Und es geschah, dass Elberon ihm vom Besuch des Shiomani Godhiens in seinen edlen Gemäuern berichtete.
   "Er sucht nach dem Erben Roskildes! Die Vision Ancyras ist schon in aller Munde."
   "Sie werden keinen König finden!" Deferier grinste breit. "Dafür werden wir sorgen, nicht wahr, mein lieber Elberon? Vergesst nicht, ihr steckt schon viel zu tief in der alten Intrige fest, als dass ihr euch jetzt loskaufen könntet!" Der Statthalter lachte hässlich.
   "Sie werden nichts finden. Sämtliche Aufzeichnungen sind beseitigt. Ich habe dafür gesorgt, dass alle Beweise seiner Existenz verschwunden sind!"
   "Was ist mit der alten Amme?"
   "Sie wohnt jetzt in einem kleinen, alten Haus in der Wagenstraße! Aber sie wird nicht reden!"
   "Was macht euch da so sicher?", fragte Deferier böse.
   "Wir haben sie noch immer in der Hand!"
   "Trotzdem! Wir sollten sie dringend an ihr altes Versprechen erinnern. Oder gleich dafür sorgen, dass niemals mehr ein Wort über ihre Lippen kommt!"
   "Ihr wollte sie töten lassen?"
   "Warum nicht? Auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an! Sorgt dafür, dass mein Wunsch erfüllt wird! Verstanden?"
   Elberon nickte. Ihm war klar, dass er sofort handeln musste. Und so schickte er einen ruchlosen Mörder in der Nacht in das Haus in der Wagenstraße und ließ die Amme töten.
   Wenig später erfuhr Elberon jedoch, dass der Bote des Todes die Falsche umgebracht hatte. Bei der Leiche handelte es sich lediglich um die Schwester der Alten. Er war höchst verärgert. Musste er sich immer selbst um alles kümmern?
   Elberon verkleidete sich bis zur Unkenntlichkeit und schlich vorsichtig zum Haus der Alten. Er traute seinen Augen kaum. War dort nicht der Shiomani Godhien? Schnüffelte herum, der dreckige Magier!
   Elberon beobachtete von seinem Standpunkt aus, wie Godhien ein Buch vom Boden aufhob und es interessiert betrachtete. Doch von diesem Fenster aus, sah er nur schlecht. Um besser sehen zu können, drückte er sein Gesicht gegen das Glas der Hintertür. Er lehnte seinen Körper so stark gegen das Holz, dass das Schloss nachgab und die Tür knarrend aufschlug. Unerwartet taumelte er stolpernd in das Haus und fing sich ab, noch bevor Godhien ihn sehen konnte. Schnell versteckte er sich hinter einem Vorhang. Doch von seinem Verhalten aufgeschreckt, verließ der Shiomani ohne Umschweife eilig das Haus. Das Buch nahm er bedauerlicherweise mit.
   Elberon blieb nichts anderes übrig, als Deferier von seinem Missgeschick zu berichten und als der Shiomani später die Stadt verließ, befahl der Statthalter dem Elb wütend, dem Zauberer zu folgen und das geheimnisvolle Buch zu beschaffen. Insgeheim jubelte Deferier. Er hatte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Godhien hatte endlich seinen Hof verlassen und Elberon wurde er ebenfalls los. Jetzt konnte er ihn aus der Stadt schicken. Besser konnte es für ihn nicht laufen.
 
   Am Abend, es war schon sehr spät, klopfte es am Haus Elberons.
Elvinha blickte aus dem Fenster. Vor der Eingangspforte stand Deferier in Begleitung von einigen Wachmännern. Schnell lief sie die Treppen nach unten und öffnete die große Tür.
   Deferier betrat ohne ein Wort zu sagen mit seinen Leuten das Haus und schloss geschwind die Tür hinter sich.
   "Was wollt Ihr hier, edler Herr von Roskilde?", fragte Elvinha und verneigte sich tief. "Ihr wisst, mein Vater ist nicht hier!"
   "Ich weiß, mein schönes Kind!", sagte Deferier und grinste breit. Speichel tropfte ihm aus den Mundwinkeln, als er mit lüsternen Blicken die Elbin entkleidete. "Wegen euch bin ich hier!" sagte er und lachte laut, als er in ihr entgeistertes Gesicht blickte. Elvinha bekam Furcht und sie sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um. Aber die Krieger der Palastwache behielten sie im Auge. Auch sie hatten ein selbstgefälliges Lächeln auf ihren Lippen und musterten sie unverhohlen.
   "Lange genug habt ihr mich abgewiesen", sprach Deferier. "Nun bin ich gekommen, um mir zu holen, was mir zusteht und was ich schon seit längerem begehre!"
   "Ich verstehe nicht ganz, Herr!", rief Elvinha ängstlich.
   "Ach nein? Vielleicht sollte ich deutlicher werden!" Er streckte seine Hand aus, ging auf sie zu und grapschte nach ihrer Brust. Er knetete sie in seiner Hand, so dass sie schmerzverzerrt ihr Gesicht verzog. Angewidert schlug sie ihm die Hand vom Leib, drehte sich um und wollte weglaufen. Doch die Männer verstellten ihr den Weg.
   "Wohin mein Täubchen?" rief lachend der Statthalter und die Männer stimmten in das Gelächter ein. "Jetzt seid ihr ganz und gar mein, Elvinha. Ihr könnt nicht weglaufen, seht das doch ein. Wenn ihr zahm seid, erspart ihr euch viel Schmerz und Leid!" Er winkte nach zwei seiner Begleiter. Sie griffen ihr unter die Arme und zerrten sie die Freitreppe nach oben in das große Schlafzimmer Elberons.
   "Bitte Herr, nein!" flüsterte Elvinha. Doch Deferier sah sie ohne Mitleid und mit gierigen Blicken an. Die Krieger ließen ihre Arme los und stellten sich um sie auf, während der Statthalter ihr die Sachen vom Leibe riss und seine Hose öffnete. Er drückte sie unsanft aufs Bett und versuchte in sie einzudringen. Sie schrie wie verrückt.
   "Hör auf zu schreien!", brüllte er ihr ins Gesicht "oder alle meine Männer hier, werden noch ihren Spaß mit dir haben. Wer glaubst du, wer du bist, dass du es wagst, mich, den größten Herrscher dieses Landes, abzuweisen. Du hättest alles von mir haben können! Doch du hast mein Werben nicht erhört! Hochnäsig habt ihr mich abgewiesen." Wut war in seinen Worten und sein Verlangen nach ihr steigerte sich ins Unermessliche. Er ließ seine Finger über ihren Brüste gleiten und starrte sie gierig an.
   Plötzlich hielt Deferier inne, als er auf einmal ihre Hände auf seinem Körper spürte. Sie flüsterte etwas, doch er konnte es kaum verstehen, bei dem Lärm und Gejohle seiner Männer.
   "Ruhe!" schrie er. Dann hörte er ihre leisen Worte: "Ich war ein Dummerchen, Deferier. Dabei habe ich übersehen, wie stattlich ihr seid. Euch zu lieben, war immer mein geheimer Wunsch. Doch ihr kennt meinen Vater. Niemals hätte er meinem Begehren zugestimmt."
   Der Statthalter glaubte, sich verhört zu haben. Aber sie schlang ihre Beine um seine Hüften und küsste ihn. Dann flüsterte sie heiser: "Sollen deine Wachen wirklich unserem Liebesspiel zusehen, Liebster?" Ihre Stimme klang erotisch und erregte ihn nur noch mehr.
   Konnte er wirklich seinen Ohren trauen?  Er sah ihr ins Gesicht und sie lächelte ihm liebeshungrig entgegen. Endlich wird sie vernünftig, dachte er und richtete sich auf.
   "Verschwindet!" schrie er seinen Männern zu. Als diese ihn ungläubig ansahen, brüllte er rasend in seiner Geilheit: "Habt ihr mich nicht verstanden, ihr sollt verschwinden!" Deferiers Worte duldeten keinen Widerspruch und maulend zogen seine Begleiter von dannen. Als die Tür hinter dem Letztem seiner Männer ins Schloss gefallen war, wandte er sich wieder Elvinha zu. Vorsichtig strich er ihr eine Strähne des goldenen Haares aus dem Gesicht. Sie hatte lauter rote Flecken auf ihren Wangen und der hohen Stirn, doch ihrem wunderschönen Antlitz tat dies keinerlei Abbruch.
   "Ich wusste, dass ihr noch vernünftig werdet, meine liebste, wunderschöne Elvinha!"
   "Wer kann euch widerstehen?" hauchte sie und lachte verführerisch. "Liebling!"
Er begann zu schwitzen.
   "Wollt ihr mich ganz und gar?", raunte sie leidenschaftlich.
   "Ja! und du weißt das!"
Sie lächelte. "Würdest du mir erlauben, mich vollständig zu entkleiden?"
   "Natürlich!", rief Deferier begeistert.
Elvinha erhob sich vom Bett und ging vor ihm auf und ab. Nach und nach zog sie sich aus.
   Benommen von ihrer Schönheit ließ er seine Blicke gierig über ihren Körper gleiten und beobachtete, wie sie sich tanzend der zerfetzten Kleider entledigte. Schließlich war sie nackt und ließ ihre Hüften sanft wiegen. Sie stand vor dem Wandschrank neben dem Bett. Plötzlich öffnete sie diesen schnell, griff sich mit flinken Bewegungen einen Kleiderstab mit den Sachen ihres Vaters, rannte zum Fenster und sprang hinaus. Alles ging so schnell, dass Deferier zunächst gar nicht begriff, dass er zum Narren gehalten wurde.
   Schließlich folgte er ihr wütend schreiend zum Fenster. Er sah, wie die nackte Elvinha mit dem Kleiderbündel unter dem Arm in eine Seitengasse einbog und verschwand.
 
   Seine Männer kamen auf sein Gebrüll hin angelaufen, rissen die Tür auf und erblickten ihren maßlos erzürnten Herrn. Der Statthalter war von einer Wut gepackt, die ihn fast besinnungslos werden ließ. Wütend schlug er seine Faust gegen die Wand, dann griff er sich einen seiner Wachmänner und schüttelte ihn. Den anderen brüllte er entgegen: "Findet sie und wagt euch nicht, ohne sie in meinen Palast zu kommen. Das wird sie mir büßen."
 
***
 
   Elvinha rannte um ihr Leben. Dass sie keine Kleider am Leibe trug, war ihr zunächst egal. Sie wollte nur so schnell wie möglich fort. Fort vom Statthalter Deferier, ihres Vaters Freund und fort von den brutalen Männern, die diesem Schauspiel beigewohnt hatten. Sie lachte irre. Dieser Mistkerl wollte sie vergewaltigen und ihr die Unschuld rauben. Und beinahe wäre es ihm auch gelungen. Sie hatte sein Gemächt schon sehr nahe gespürt, als ihr diese List in den Sinn kam. Als sie schließlich aus dem Fenster sprang, fühlte sie keine Angst und es war ihr gleichgültig, ob sie dabei ihr Leben verlor. Sie hätte mit der Entwürdigung nicht leben können und so war sie todesmutig gesprungen.
   "Die Götter mögen mir beistehen!", flüsterte sie im Fallen. Und als sie den Boden berührte und begriff, dass sie den Sprung überlebt hatte, dankte sie den Göttern für ihr unsagbares Glück. Zwar schmerzte ihr Knöchel heftig und wahrscheinlich war er auch verstaucht, doch sie hatte sich nichts gebrochen. Fieberhaft überlegte sie, was sie nun tun musste. Schließlich rannte sie in die nächstgelegene Seitenstraße, bog mehrmals ab und kam in die Nähe des Rings der Stadt. Bisher hatte sie niemanden angetroffen. Sie konnte froh darüber sein, denn Lindisfarena war der Tage gut bewacht. In einer dunklen Ecke blieb sie stehen und lauschte in die Dunkelheit. Es war nichts zu hören. Doch sie wusste, dass die Männer Deferiers sie suchen würden. Schnell zog sie die Kleider ihres Vaters über und hüllte sich in dessen langen Umhang. Die Sachen waren ihr zu groß. Doch in der Notlage, in der sie sich befand, waren sie für ihre Zwecke mehr als ausreichend. In das Haus ihres Vaters wagte sie nicht zurück. Der Widerling wartete dort mit seinen schmierigen Pfoten und seinen lüsternen Blicken. Was würde ihr Vater nur dazu sagen? Würde Elberon sie an ihren Peiniger verkaufen? Nein, niemals! Lieber würde ihr Vater sterben. Sie erschrak. Ihr Vater war der Freund Deferiers. Was würde geschehen, wenn er von diesem Vorfall erfuhr? Und plötzlich wusste sie es genau. Nein, sie würde niemals in das Haus ihres Vaters zurückkehren können. Sie musste gehen, weit fort aus dieser Stadt, von der sie nichts mehr zu erwarten hatte und weit weg von Statthalter Deferier! Doch wohin? Sie hatte keine Ahnung. Doch ein Hoffen keimte in ihr, dass sich ein Weg offenbaren würde. Ohne länger zu zögern, ging sie festen Schrittes ihrer unbekannten Zukunft entgegen.
   Als sie in die Nähe des Stadttores kam, stockte ihr Herz und jäh stoppte sie ihren Schritt. Ihre scharfen Augen erkanntem einen der Männer, der dreckig lachend um sie herum gestanden hatte. Er flüsterte mit dem Hauptmann der wachhabenden Torlinen und sie sah, dass dieser bejahend mit dem Kopf nickte. Dann entfernte sich der böse Mann der Palastwache Deferiers.
   Sie brauchte sich keine Illusionen zu machen, an der Wache kam sie nun nicht mehr vorbei. Zumal sie allen in der Stadt bestens bekannt war. Immerhin war sie die Tochter Elberons, des Vertreters der Elben vom See. Entmutigt ließ sie sich in einer schummrigen Ecke auf den Boden gleiten und dachte nach. Es würde nicht einfach werden, diese Stadt zu verlassen. Sie brauchte einen guten Plan.
 
***
 
   Um Ufer der Núne-Riana saß Elberon und seine beiden Krieger schweigend um das kleine Feuer. Die Flammen tanzten aufgeregt und das Holz prasselte leise. Elberon hasste sich. Vor vielen Jahren hatte er seine Seele an Deferier verkauft. Der Statthalter hatte ihn in eine Falle gelockt und nun war er Sklave seines Willens geworden. Fast schon hatte er sein Elend vergessen, denn viele Jahre ließ Deferier ihn unbehelligt. Doch nachdem Ancyra in einer Vision von diesem unseligen Erben der Königslinie sprach, rissen die alten Wunden wieder auf. Deferier wurde unruhig.
   Elberon war verzweifelt. Er hatte es nicht nur satt, diesem Menschen zu Willen zu sein, sondern ihn beunruhigten auch die gierigen Blicke, mit denen Deferier in letzter Zeit seine Tochter betrachtete. Niemals würde Deferier sie bekommen, das hatte er sich geschworen. Während er dem Shiomani Godhien durch die Wälder folgte, war sie nun allein in dem großen Haus und ohne seinen Schutz zurückgeblieben. Seine Gedanken waren bei ihr und für einen Moment setzte sein Herzschlag aus. Ob Deferier sie während seiner Abwesenheit aufsuchte? Nein, das würde er sicher nicht wagen. Dann dachte der Elb an den weisen, alten Magier, den er im Auftrag dieses miesen Statthalters verfolgte, mit dem Ziel, ihn zu töten. Was tat er nur? Er musste vollkommen verrückt geworden sein.
   Elberon rekelte angewidert seine Glieder und er schüttelte sich. Es schien, als fiele plötzlich eine schwere Last von ihm und eine, seit langem vergessene Leichtigkeit begann sich in seinem Innern zu regen. Seine Gedanken erhellten sich und verscheuchten die dunklen Schatten, die auf seiner Seele lasteten und die er schon so viele Jahre mit sich herumgetragen hatte. Dieser Ballast, der ihn bedrückte und seine Seele tagein und tagaus vergiftete, war fort. Und sein Entschluss stand fest. Mit seinem falschen Handeln musste endgültig Schluss sein. Er fühlte sich erleichtert. Nein, es war noch nicht zu spät, seine Fehler von einst einzugestehen und seine Taten zu sühnen. Immer mehr beflügelten ihn seine gereinigten Gedanken. Gleich morgen früh würde er nach Ferru Gineum reiten und dem Fürsten Cyrdan alles berichten, was er wusste. Er wusste, dass sein elbischer Herr ihm das ehrenvolle Amt entziehen würde und hart bestrafen musste. Aber letztlich konnte er nur so seine Würde bewahren und seine Freiheit wiedererlangen. Sein Leben würde anderswo neu beginnen. Vielleicht sogar in Dol Riada? Er liebte diese Stadt zwischen den hohen Felsen am Ufer der Ruadiuna. Noch war es nicht zu spät. Sein Gesicht hellte sich auf.
 
***
 
   Zwischen den hohen Bäumen verschanzten sich Männer in schwarzer Kleidung. Sie waren Elberon und seinen beiden Männern schon seit geraumer Zeit gefolgt. Es war nicht leicht die Fährte des Elben zu finden und es war schon spät, als sie ihn endlich beobachten konnten. Gerade schlug Elberon sein Lager für die Nacht am Ufer des Flusses auf. Noch war die Gelegenheit nicht günstig, doch sie konnten warten. Er beobachtete, dass die beiden Begleiter des Elben trockenes Brennholz sammelten und wenig später flackerte das Licht durch die Blätter der Bäume. Die drei Gesuchten saßen um die Feuerstelle herum und blickten in die prasselnden Flammen, die ihre Gesichter in hellen, rötlichen Schein tauchten.
   Wie passend  - rot -  dachte Mortod.
Nach geraumer Zeit legten sich die Drei am lodernden Feuer nieder. Jetzt war die Situation günstig und er gab das vereinbarte Zeichen.
   Seine Männer spannten ihre Bogen und mit feinen, surrenden Geräuschen rasten die Pfeile ihrem Ziel entgegen.
   Elberon trafen gleich drei Geschosse. Eines genau ins Herz. Er war sofort tot.
   Einer der beiden Männer, die ihn begleitet hatten, kippte seitwärts und regte sich nicht mehr, während der andere nach vorn über sackte und in sich zusammen fiel. Aus jedem Leib ragten Pfeile hervor.
 
   Mortod kletterte vom Baum und näherte sich mit seinen Begleitern der Feuerstelle. Als sie diese erreicht hatten, und sie die Toten am Boden betrachteten, grinste der Anführer breit und hässlich über sein gesamtes Gesicht. Er trat nach dem Elben und wälzte ihn mit seinen Füßen um. Erst als er in dessen gebrochene Augen blickte, ließ er von ihm ab. Seine Gefolgsleute hatten sich in der Zwischenzeit vom Ableben der beiden anderen überzeugt. Die Tat war vollbracht.
   Anschließend löschten sie das Feuer. Auf Befehl Mortods schlichen sie lautlos von dannen. Nur die Pferde der Drei nahmen sie mit. Die Toten ließen sie am Ufer der Núne-Riana zurück.
   Der Herr wird zufrieden sein, dachte Mortod, bevor er mit den anderen in der Dunkelheit des dichten Waldes verschwand.
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