GORLOGS AUFTRAG
 
 
 
 
                                     Morodan stand auf der Zinne des Südturmes und blickte in die Ferne. Der Austritt, des von ihm bewohnten Turmes überragte deutlich selbst die am höchsten gewachsenen Bäume des Dunkelwaldes. Von hier oben hatte er eine ausgezeichnete Sicht auf das Land rings um ihn her. Seine Festung Al Taramún, tief im Süden Rogalands, auf dem Hügel Cámulán errichtet, erstrahlte in alter, finsterer Pracht und Herrlichkeit.
 
   Morodan blickte in den Hof seiner riesigen Festung. Dort wimmelte es von Orks und anderen grauenhaften, finsteren Wesen. Er sah einige Murdo-Cadhúns, eine besondere Züchtung der alten Zeit. Sie waren Bestien und überragten die Orks um Längen. Außerdem waren sie intelligenter als ihre Artgenossen und ihrem dunklen Herrscher treu ergeben. Vor vielen Jahren hatte er das Geheimnis ihrer Vermehrung erfahren und sich eine Armee von Murdo-Cadhúns gezüchtet. Nur wenige von ihnen hatten die große Schlacht überlebt.
 
   Mehr als tausend brutale Gefolgsleute waren nun hier in seiner Festung versammelt und mehrere tausend andere durchstreiften bereits weiträumig die endlose Weite des Landes und der Wälder. Seine Truppen beherrschten den gesamten Süden des Dunkelwaldes und das Dunkle Ödland bis zum Wintergebirge. Sie drangen schon weit in die nur dünn besiedelten Gebiete Rogalands vor und besaßen die Macht über große Strecken des Grauen Schneegebirges, überfielen die nördlichen Regionen von Asturien und Odhrain und nahmen mehr und mehr die verschiedensten Orte und Ländereien in Besitz. Morodan erregte besonders die Vorstellung, dass er Dol Riada, die schönste elbische Stätte der alten Welt zerstört hatte, und dass seine Diener nun in den Wäldern Lothians herrschten.
 
   Niemand war mehr sicher in den Gebieten, die von seinen Orks besetzt wurden und in denen seine Kreaturen nun scharenweise umherstreiften. Händler und Reisende, die an der Westseite des Grauen Schneegebirge entlangzogen, wurden nie wieder lebend gesehen. Es dauerte daher nicht lange und der Reiseverkehr erstarb in dieser Region völlig. Keine sterbliche Seele wagte sich mehr in diese Gegend. Dunkle Gestalten wurden bald in vielen Ländern gesichtet. Dörfer wurden niedergebrannt und es wurde gemordet. Die Kerker von Al Taramún begannen sich zu füllen. Schnell verbreitete sich Angst und Schrecken.
 
   Lothian war gefallen und wurde von einem Murdo-Cadhún namens Burukhan verwaltet. Farzentho-Kharáza, ein weiterer wichtiger strategischer Punkt im Grauen Schneegebirge war fest in seiner Gewalt. Dort leitete Olkan die Geschicke in seinem Sinne. Seine Streitmacht war schon tief in den Süden in das weiße Tal vorgedrungen. Bis weit hinter den See Beloozero kontrollierten seine Krieger das Land. Andere standen bereits an der Grenze zu Nord Godiva und seine Orks dort warteten täglich auf den Befehl, in das Land einzufallen.
 
   Morodan dachte an seinen Widersacher Valmeron. Ein hämisches Grinsen durchzog sein Gesicht. Das halbe Heer Odhrains war aufgebrochen um Wölfe zu jagen. Morodan schüttelte sich vor Lachen. Wölfe, ha! Seine Ideen waren brillant. Gierig glitt sein Blick nach Odhrain. Voller Hass umklammerten seine Hände Tordas, seinen mächtigen Zauberstab, dessen Gift tödlicher war, als der Biss der giftigsten Schlange. Eine Waffe, die nur einem würdig war, ihm, dem mächtigsten Shiomani der neuen Welt.
 
   Morodan blickte hinauf in den Himmel. Dunkle, schwarze Wolken türmten sich mächtig und drohend über ihm auf. Blitze zuckten grell durch die Finsternis. Es war sehr kalt geworden. In diesem Jahr war der Winter besonders hart und stürmisch. Das Wetter gefiel Morodan. Schnee und Eis konnten ihm und seinen finsteren Kreaturen nichts anhaben. Seit Wochen fegten eisige Winde um die Zinnen der riesigen Festung. Die orkischen Wachmannschaften waren in dicke Umhänge gehüllt und marschierten auf dem großen Wehrgang auf und ab. Ihre grimmigen Gesichter waren furchterregend anzusehen. Die Kälte war für sie kein Problem, nur die Menschen hatten darunter zu leiden.
 
   In den letzten Tagen hatte es immer wieder geschneit. Das eisige Nass schimmerte aber nicht in der gewohnt weißen Farbe, sondern glänzte in mattem, dunklen Grau und wirkte unheimlich. Die schwarze Düsternis hatte es in sich aufgesogen. Niemand wagte sich mehr in die Nähe der Burg, selbst die Tiere machten einen großen Bogen um die Erhebung im südlichsten Teil des riesigen Waldgebietes. Im Dunkelwald wimmelte es von seinen Orks und anderen finsteren Gestalten.
   Das Grauen war an diesen Ort in Gestalt eines mächtigen Zauberers zurückgekehrt. Unaufhaltsam breitete die dunkle Macht ihre Fangnetze weit über die Mauern Al Taramúns aus und zog immer größere Kreise. Die finsteren Kreaturen fühlten sich von ihr angezogen. Zahlreich strömten sie aus ihren verborgenen Löchern und der Dunkelheit hervor. Jeden Tag kamen neue widerliche Kreaturen und verstärkten das Heer seiner Schergen.
   Die dunkle Wolken zogen nicht mehr fort, sondern hingen nun beständig über den Hügeln Cámuláns. Nebelschwaden, von einer grauenhaften Dichte, krochen durch die Lande und brachten in ihrem Schatten Orks und andere Bestien mit sich, die raubend und tötend umherstreiften.
 
   Morodan sah es mit Befriedigung und scharte alles Böse um sich. Sein Hass wuchs täglich und sein Bestreben, Midgard vollständig zu unterwerfen, beherrschte sein gesamtes Denken. Der Wahnsinn blickte aus seinen kalten Augen. Die dunkle Macht war ihm zugetan. Morodan wurde zum gefährlichsten Werkzeug des Bösen.
   Und es kam der Tag, als ihm die dunkle Macht endlich einen Weg offenbarte, auf dem er an das Ziel seiner Wünsche kommen konnte:  >Er musste die Menschen entzweien und die Allianz zwischen Asturien und Odhrain zerbrechen.<
 
   In einer düsteren, stürmischen Nacht fuhr ein greller Blitz in seine Kammer. Funken sprühten und dieser Blitz raste die Wände auf und nieder. Dann fuhr er schließlich hinauf in die Kuppel des Turmes, schoss gerade hinab zum sehenden Stein und erlosch, bevor er diesen treffen konnte. Eine schwarze, dichte Wolke blieb zurück. Als sich der Nebel lichtete, funkelte der sehende Stein in feurigen Farben.
   Morodan schritt näher und blickte hinein. Er sah in das Antlitz eines Menschen. Ein schäbiger Asturianer, dachte er verächtlich, als er die Züge dieses Kriegers betrachtete. Er beobachtete, wie ein zweiter Mensch hinzutrat, der dem Ersten recht ähnlich sah. Es könnte sein Bruder sein, vermutete Morodan. Die beiden unterhielten sich. Die Stimmen wurden lauter und Morodan lauschte den verräterischen Worten, welche die beiden miteinander sprachen. Dann plötzlich hellte sich seine finstere Miene auf.
   "Jetzt ist es an der Zeit die Zwietracht zu schüren!"
Morodan lachte heiser. Er ließ Gorlog rufen, der wenig später in seiner Kammer erschien.
   "Kommt her!", rief er ihm entgegen und winkte ihn heran.
   "Sieh nur, mein großer, finsterer Murdo-Cadhún!"
Morodan zeigte mit seinen knorrigen Fingern auf die feurigen Wogen. "Ergötze dich an den Bildern, die dieser Stein offenbart."
 
   Gorlog blickte in die wabernden Nebel des sehenden Steins und konnte zwei Menschen erblicken, die sich im Zwielicht zusammengefunden hatten und böse Pläne schmiedeten.
   Dies war ganz nach dem Geschmack seines Herrn, dem er völlig ergeben diente. Gorlog wollte dem Treiben der Menschen noch länger zusehen, doch der Blick in die magische Kugel schmerzte in seinen kleinen, schwarzen Augen und er bedeckte sie furchtsam mit der Hand. Gorlog bewunderte den starken Willen seines Herrn. Morodan konnte dem Stein gebieten, ihm die Dinge zu zeigen, die er sehen wollte. Oft sah er viele Stunden in die geheimnisvolle Kugel und erduldete die Qualen und Schmerzen, ohne eine Regung zu zeigen.
   "Hast du die beiden Menschen gesehen?", fragte Morodan barsch.
   "Ja, Herr!"
   "Merk sie dir gut, denn du wirst sie finden müssen! Sie sind der Schlüssel zur Macht in Asturien."
Gorlog war überrascht, dann warf er noch einmal einen Blick in den sehenden Stein und prägte sich die Gesichter der zwei Asturianer genauestens ein.
   "Finde sie, Gorlog, und mache sie unserer Sache zugetan. Sie sollen jedwede Unterstützung erhalten. Der eine der beiden strebt nach der Macht in Asturien. Er soll sie bekommen! Vorerst!" Morodan lachte laut und dreckig. "Lehnt er unser großzügiges Angebot ab, töte ihn und seinen Bruder!"
   "Sehr wohl, mein Herr und Gebieter!"
Gorlog verneigte sich tief vor Morodan, bevor er die Kammer seines mächtigen Herrschers verließ.
 
   Am frühen Morgen brach Gorlog auf. Ihn begleitete ein großer Trupp kriegerischer Orks. Einige Murdo-Cadhúns gehörten zur Elite Gorlogs. Sie waren äußerst risikobereit und gehorchten bedingungslos seinen Befehlen. Kampfmaschinen, auf die er sich in jeder Situation verlassen konnte. Sie nannten sich selbst die Golos und waren selbst bei den anderen Orks gefürchtet.
   Gorlog hatte es eilig. Sein Herr hatte ihm berichtet, dass das große Heer Asturiens und Odhrains bald in Asgard eintreffen würde. Gorlog musste vor ihnen da sein. Die beiden Asturianer, Verräter ihres Landes, wollte er erreichen, bevor die beiden Könige sie womöglich noch auf den rechten Weg zurückführten. Intrigen mussten geschürt werden und sein Herr wünschte, dass er die Verräter unwiderruflich an die dunkle Seite band. Ein breites, hinterlistiges Grinsen durchzog sein Gesicht.
    Der große Trupp Gorlogs kam schnell voran, während das große Heer Asturiens und Odhrains im Gegensatz zu ihnen sehr langsam war. Seine Orks waren es gewohnt, tagelang ohne Verschnaufpause zu laufen. Sie trugen kein Gepäck, nur ihre Waffen. Unterwegs töteten sie wilde Tiere und fraßen sie roh. Wenn ihre Jäger nichts fangen konnten, so verspeisten sie notgedrungen auch einen ihrer Artgenossen.
   Schon nach wenigen Tagen erreichten sie den Anúbaz Cádron. In den Büschen am Ufer lagerten noch immer die riesigen Flöße. Die Orks zerrten einige von ihnen zurück ans Ufer und sie bestiegen erneut die gewaltigen, hölzernen Planken. Gorlog ließ die Flöße zusammenbinden und nachdem sie aneinander gekettet waren, stießen sie vom Ufer ab. Die Flöße trieben auf die Mitte des Gewässers zu. Der große Strom floss zäh dahin. Einige Eisschollen trieben auf seiner Oberfläche. Langsam nahmen sie in den reißenden Fluten Fahrt auf und wurden schließlich schnell nach Süden abgetrieben.
 
   Die Orks saßen auf den Flößen und hatten erstmals Zeit sich zu erholen. Sofort fingen sie an zu grölen und stritten sich untereinander. Gorlog musste mehrfach eingreifen, um Messerstechereien zu verhindern. Die Golos um Gorlog sorgten für gemäßigte Ordnung und sie hatten damit alle Hände voll zu tun. Auf jedem Floss starben einige Orks durch ihre Schwerter. Sie duldeten keinen Ungehorsam und jedweder Widerspruch wurde sofort mit dem Tod bestraft. Die grimmigen Murdo-Cadhún waren gnadenlos und alsbald beruhigten sich auch die widerspenstigsten Gestalten auf den Flößen. Die bösartigen Orks um Recthor blickten finster auf Gorlog, den geduldeten Führer, und musterten seine Elitetruppe, die Golos, argwöhnisch.
   "Was sollen wir eigentlich in Asturien?", fragte einer von ihnen und blickte Gorlog schräg an.
   "Das wirst du noch früh genug erfahren!"
Der Ork maulte, musste sich aber mit der Antwort zufrieden geben.
 
   Auf Befehl Gorlogs fuhren die Orks und die Murdo-Cadhúns den ganzen Tag und die halbe Nacht auf dem Fluss. Die getöteten Orks wurden gefressen. In den frühen Morgenstunden hatten sie fast hundert Meilen auf dem Anúbaz Cádron zurückgelegt. Die Orks steuerten die Flöße nach Süden und nachdem sie den Zufluss der Reghinára passiert hatten, legten sie am Westufer an und sprangen an Land. Sie befanden sich jetzt im südlichen Teil des Weißen Waldes. Dahinter breitete sich steppenartiges Hügelland aus, bis an den Fuß der westlichen Ausläufer des Wintergebirges. Sie mussten die hohen Berge überqueren und nach Tauronal ziehen.
 
   Schnell zogen sie die großen Flöße ans Ufer und zerrten sie tief hinein in das dichte Unterholz der vielen Bäume, die unweit des Flusses standen. Ohne größeren Aufwand konnte nun niemand die Flöße ins Wasser zurückschieben. Gorlog erklomm einen kleinen Hügel und sah seinen Orks bei der Arbeit zu. Dann aber schweifte sein Blick davon und er blickte in die Ferne. Mit zusammengekniffenen Augen musterte Gorlog argwöhnisch das Land. Bis zu den Ufern der Reghinára und den Grenzen des Weißen Waldes hatte Burukhan die Ebene unter Kontrolle. Ab hier begann Feindesland, weites Ödland, Gebirge und die Steppe Asturiens. In dieses Gebiet fielen die orkischen Truppen nur zu Raubzügen ein. Der Widerstand der Dorfbewohner nahm zu. Sie mussten sich vorsehen. Patrouillen asturianischer Krieger wurden in Tauronal nun oft sehr zahlreich beobachtet. Gorlog hatte den Auftrag erhalten, sich möglichst nicht auf Kämpfe einzulassen. Bald schon sollten die Asturianer Verbündete Morodans sein.
   Gorlog hielt seine feine Nase in die Luft. Menschen konnte er auf weite Entfernung riechen. Sie hatten einen eigenartigen Geruch. Doch er nahm keine der feinen, menschlichen Gerüche wahr. In dieser Gegend waren zur Zeit feindliche Krieger nicht unterwegs.
 
   Gorlog sah nach Süden. Der Anúbaz Cádron zog sich dort wie ein dunkles, blaues Band durch die weite Ebene. Im gleißenden Schein der im Osten aufgehenden Sonne, erstrahlte der gefallene Schnee in weißem, glitzernden Licht. Gorlogs Augen wurden geblendet und schmerzten im grellen Schein. Er war lieber in den eisigen Nächten unterwegs.
   Dann wurde Gorlog aufmerksam. Er vernahm ein schnaufendes Geräusch, dass sich im näherte. So, als hätte er nichts bemerkt, sah er weiter in die Weite des Landes und drehte sich nicht um. Er blieb aber wachsam, seine Hand kampfbereit am Schaft seines Krummschwertes. Es war einer seiner Orks, der zu ihm gerannt kam. Als die Kreatur ihn erreicht hatte, drehte er sich blitzschnell um. Vor ihm stand Hauptmann Recthor. Ein übler Geselle aus Sarmaragh, der die finsteren Scharen befehligte, die aus Lokis Gefolgschaft stammten und die letzte Schlacht überlebt hatten. Recthor war ein guter Kämpfer, aber mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Er galt als verschlagen und hinterhältig.
   Gorlog wusste, dass sich Recthor nur ungern in den Dienst Morodans gestellt hatte. Noch immer wartete er auf die Rückkehr Lokis, seines einstigen dunklen Herrschers. Doch in keinem, der vielen vergangen Jahre kehrte Loki bisher zurück. Er blieb verschwunden. Recthor wurde des Wartens müde und schloss sich widerwillig dem Shiomani Morodan an. Zumindest diente er somit der dunklen Macht.
   "Die Männer sind soweit. Wir könnten aufbrechen!"
   "Gut, Recthor. Wir brechen auf! Lauft ihr mit euren Orks voran, Richtung Süd-Süd-West; unser Ziel heißt Asgard!"
   "Asgard also!" Recthor bleckte die Zähne. "Habt ihr nicht noch eine Rechnung mit den Asturianern offen?"
   "Und wenn schon, was geht es dich an?"
   "War ja nur eine Frage!", grollte der Ork.
   "Du bist nicht hier, um Fragen zu stellen!"
Unbändige Wut keimte in Recthor. Er hatte es nicht nötig, sich Befehle von einem dahergelaufenen Murdo-Cadhún erteilen zu lassen.
   Es wird sich schon eine Gelegenheit finden, dir diese Worte heimzuzahlen, dachte Recthor voller Hass.
 
   Die Orks setzen sich in Bewegung. Recthor lief mit den Sarmaragh-Orks voran. Ihnen folgten viele Krieger aus der ersten Brut Farzentho-Kharázas. In den Reihen dazwischen rannten einige der gefürchteten Murdo-Cadhúns und ein paar wenige Halborks. Den Schluss bildete die Elite, die Golos. Gorlog rannte erst viel später den Hügel hinab und folgte seinem Trupp. Er war einer der schnellsten Murdo-Cadhún und hatte bisher jeden Wettkampf gewonnen. Ohne Mühe holte er seine orkischen Krieger ein.
 
   In schnellem Tempo rannten die Orks durch die schneebedeckte Landschaft. In dem felsigen Hügelland war alles zu Eis erstarrt und es umfing sie eine klirrende Kälte. Der Wind toste zum Teil orkanartig durch das Land und wirbelte den Schnee um sie herum auf. Doch dieses Wetter konnte ihnen nicht viel anhaben. In stoischem Rhythmus rannten sie unermüdlich und legten Meile um Meile zurück. Bald erreichten sie das Gebirge und überquerten es auf einem kleinen Pass. Sie erreichten Tauronal. Vor ihnen erstreckte sich das weite Delta der Smyrna Tauros. Weiter südlich fanden sie eine Furt, die um diese Jahreszeit mit einer dicken Eisschicht überzogen war. Dann, nur wenige Tage später, sahen sie am Horizont Asgard vor sich auftauchen.
 
   Gorlog hob die Hand und die Männer hielten an. Ihr Blick war auf die Stadt gerichtet und grimmiges Grollen entfuhr ihren Mäulern. Versteckt in einer kleinen Senke ließ Gorlog ein Lager hinter einem kleinen Tannenwäldchen errichten. Hier waren sie vor unliebsamen Blicken geschützt. Dann winkte Gorlog den Ork Recthor zu sich.
   "Ich muss in die Stadt und die Verräter der Menschen finden!"
Recthor nickte.
   "Ich werde euch begleiten!"
   "Nein, nein, ich gehe allein. Wenn ich in drei Tagen nicht zurück sein sollte, dann greife die Stadt an."
   "Warum greifen wir sie nicht sofort an?", fragte Recthor und blickte Gorlog mit glänzenden, gierigen Augen an.
   "Weil tausende von Menschen in nur wenigen Tagen hier auftauchen werden. Diese Gegend wird nur so wimmeln von Kriegern aus Odhrain und Asturien. Das große Heer kehrt zurück. Es gibt einen leichteren Weg, die Menschen aus Asgard zu besiegen. Sie jetzt anzugreifen und zu töten wäre eine Dummheit, zu der nur ein Sarmaragh-Ork wie du fähig ist!"
   Recthor grollte grimmig und funkelte Gorlog an. Dann raunte er leise:
   "Schon gut, schon gut! Ich warte hier. Doch in genau drei Tagen schlage ich mit meinen Orks zu und es wird mir eine Freude sein, diese erbärmlichen, räudigen Menschen abzuschlachten!"
Recthor fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Speichel tropfte ihm aus den Mundwinkeln und sein Blick war mörderisch. Gorlog ließ ihn gehen. Verdammter Hund, gefährdet noch die ganze Sache, dachte er hasserfüllt. Er ging zu Urlug, einem seiner zuverlässigsten Gefolgsleute. Dieser war ein Murdo-Cadhún und gehörte zu den Golos. Gorlog winke ihn zur Seite und sprach leise, dass nur er es hörte:
   "Recthor hat während meiner Abwesenheit die Befehlsgewalt! Pass auf ihn auf. Er ist nervös und geradezu besessen anzugreifen. Wenn ich in drei Tagen bei Sonnenuntergang nicht zurück bin, schlagt ihr los! Erst dann! Hast du mich verstanden?"
   Urlug nickte und blickte verstohlen zu Recthor.
   "Warum durfte ich nicht der Führer sein?"
Gorlog sah ihn eindringlich an.
   "Bald schon wirst du, Urlug, mächtiger sein als er! Doch noch hat Recthor die Orks aus Sarmaragh hinter sich und wir müssen, wenn wir einen Aufstand innerhalb der Truppe vermeiden wollen, seine derzeitige Macht hinnehmen." Verächtlich spuckte Gorlog aus.
Urlug lachte hämisch.
   "Ich werde ihn im Auge behalten, seid unbesorgt!"
   "So ist es gut! Sollte er während meiner Abwesenheit tödlich verunfallen oder im Kampf  versehentlich sterben, erspart uns das überflüssigen Ärger und später die Drecksarbeit."
Urlug nickte vielsagend.
   Gorlog drehte sich um und verließ das Lager.
 
   Mit hoher Geschwindigkeit rannte er auf die Stadtmauern von Asgard zu. Als er in den Sichtbereich der Wachen kam, hielt er inne. Gorlog suchte sich eine geschützte Stelle und beobachtete die Stadt. Er musste warten, bis der Tag zur Neige ging. In nur wenigen Stunden wurde es Nacht. Die Finsternis würde er für sich nutzen müssen. Der Himmel war wolkenverhangen und es sah nicht danach aus, als ob es in der Nacht aufklaren würde. Er legte sich nieder und ruhte sich noch ein wenig aus. Als es endlich völlig dunkel war, schlich er sich an die Stadtmauer heran. Ganz vorsichtig bewegte er sich vorwärts. Die Wachen bemerkten ihn nicht. Gorlog kroch auf dem Boden bis an die große Mauer heran und stellte sich in ihrem Schatten aufrecht. Er maß die hohe Barriere mit seinen Blicken.
   Sie erhob sich mehrere Fuß vom Boden und war mindestens doppelt so hoch, wie er groß war. Nun hatte er das schwierigste Stück Arbeit vor sich. Er musste sie überwinden, ohne von den Wachen gesehen oder überrascht zu werden. Gorlog nahm das lange, grobe Seil, welches er mit sich geführt hatte, und warf es nach oben über die steil aufragenden Spitzen der Mauer. Am anderen Ende des Seils war ein großer, dicker Knoten in den Strick geflochten. Gorlog zog das Seil vorsichtig straff und wartete bis sich der Knoten im Holz der Spitzen der hohen Pfeiler, verkantete. Er prüfte, ob der Knoten im Seil festen Halt gefunden hatte. Erst als er sich dessen sicher war, kletterte er nach oben.
 
   Gorlog erreichte die großen Spitzen der Mauer und spähte vorsichtig über den Rand. Einen vier Schritt breiten Wehrgang für die Wachen konnte er sehen. Die Stadtmauer hatte an dieser Stelle nur wenig Wachtürme. So wie er es geplant hatte, befand er sich nun genau in der Mitte zweier solcher Türme. Sie standen weit auseinander, sodass die Wachleute ihn in der Dunkelheit der Nacht nur schwer erkennen konnten. Er schloss seine Augen und lauschte in die Stille, die ihn umgab. Alles war ruhig. Nur ein Wachmann patrouillierte unweit von ihm. Er konnte ihn schemenhaft sehen, aber dafür sehr deutlich riechen. Er war der einzige Krieger, der sich in seiner Sichtweite befand. Lautlos ließ er sich über die Spitzen gleiten und kauerte sich an den dunklen Rand des Wehrgangs. Nur vier Schritt, dann folgte eine abgeflachte Brüstung. Gorlog sprang auf, überquerte hastig den schmalen Steg und sprang in die Tiefe. Im Innenbereich der Mauer kam er auf die Beine. Der Aufschlag seiner wuchtigen, eisenbeschlagenen Stiefel und seines massigen Körpers verursachte ein leises Geräusch. Gorlog drückte sofort sich an die Wand der hohen Stadtmauer. Doch der Wachmann hatte etwas bemerkt.
   "Wer da?", rief er in die Dunkelheit.
 
   Ein leises Grollen entfuhr Gorlog. Der Wachmann blickte vom Wehrgang nach unten. Da er in der Tiefe nicht viel sehen konnte, ging er zu einer der vielen Leitern, die nach unten führten und kletterte hinab. Dann kam er langsam auf Gorlog zu. Der Murdo-Cadhún hatte sich auf den Boden gelegt und rührte sich nicht. Der Wachmann musste ihn gesehen haben, denn er kam immer näher. Doch wahrscheinlich hielt er ihn nicht für einen Eindringling, denn er schien sorglos. Als der Wachmann ihn endlich erreicht hatte, berührte er mit seinem Speer den dunklen Haufen, der zusammengekauert an der Mauer lag. Vielleicht hielt er ihn für ein großes, totes Tier oder dergleichen.
   Gorlog sprang blitzschnell auf, den Schock des Wachmanns ausnutzend und erledigte ihn mit seinem Schwert. Kaltblütig, brutal und mitleidlos durchtrennte er mit der scharfen Klinge die Kehle des Kriegers. Ohne einen Laut von sich zu geben, aber mit schreckgeweiteten Augen, brach der Wachmann vor ihm zusammen. Gorlog zerrte ihn an den Füßen hinter sich her, bis er ein paar Büsche erreicht hatte. Er schob den leblosen Körper in das Dickicht und warf einige herumliegende Äste und Zweige auf ihn. Zum Schluss bedeckte er den Toten mit Schnee und verwischte sorgfältig alle verräterischen Spuren.
 
   Gorlog sah sich um. Von den zwei am nächsten gelegenen Wachtürmen, deren lange Schatten ins Land fielen, war kein verdächtiges Geräusch zu vernehmen. Die Wachen dort hatten den Vorfall nicht bemerkt. Die Schwärze der Nacht, die absolute Dunkelheit, war für seine Mission äußerst hilfreich. Gorlog schlich vorsichtig an die ersten Häuser der Stadt heran. Im Schutz der einfachen Bauten suchte er die geeignetste Stelle für den Aufstieg zur Festung Cadválva.
   Etwas weiter nördlich und abseits der übrigen Häuser, sah er ein altes, verfallenes Herrenhaus, fast schon eine Ruine. Es war sehr groß, wirkte heruntergekommen und verlassen. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, nur die Eingangstür stand merkwürdigerweise einen Spalt offen. Gespenstisch wirkte dieses alte Haus, doch für sein Vorhaben war es geradezu ideal. Unbemerkt von den Wachleuten kroch er vorsichtig dorthin und verschwand im Eingangsbereich des verlassenen Hauses.
 
   Gorlog schloss hinter sich die Tür. Er hatte es geschafft. Er war in Asgard.
 
   Unweit von dem alten Haus entfernt, thronte auf dem erhöhten, felsigen Gelände der mächtige Herrschaftssitz der Könige von Asturien. Gorlog musste schnell handeln. Durch die Bretter eines nur spärlich zugenagelten Fensters beobachtete er seine Umgebung. Nur wenige Wachen bewegten sich auf der Stadtmauer und auf der Plattform um die Festung herum. Von hier unten konnte er überhaupt niemanden sehen.
 
   Es war nun weit nach Mitternacht. Lange würde es nicht mehr dauern, bis der Tag anbrach. Er blickte aus dem Verschlag des Fensters. Ein unebener Pfad führte hinauf zur Festung. Dort befand sich in der starken Mauer ein großes, hölzernes Tor. Die gesuchten Verräter hatten ihre Kammern innerhalb des Königssitzes. Er musste in das Herz Asturiens eindringen, wenn er sie finden wollte. Morodan hatte ihm so gut wie möglich versucht zu beschreiben, wo er sie suchen musste. Gorlog konnte sich auch noch gut an die örtlichen Gegebenheiten erinnern, die er im sehenden Stein erblickt hatte. Er verschwand vom Fenster, verließ das Haus und rannte in gebückter Haltung den Pfad nach oben.
   Schemenhaft konnte er zwei Wachen sehen, die auf der Plattform auf und ab gingen. Gorlog schob sich zum Rand des gepflasterten Vorplatzes und beobachtete die Wachleute. Schließlich standen sie an einer Ecke im Schatten der mächtigen Festung und blickten in die Stadt hinunter. Sie unterhielten sich leise. Gorlog schlich sich vorsichtig an sie heran und näherte sich ihnen lautlos. Als er sie erreicht hatte, baute er sich hinter ihnen auf. Die Wachleute reichten ihm gerade einmal bis zur Brust. Er breitete seine massigen Arme aus und ergriff ihre Köpfe. Blitzartig und mit voller Wucht schlug er ihre Köpfe zusammen. Mit einem lauten Krachen splitterte der Schädel des einen Wachmanns, der sofort tot zusammenbrach. Der andere taumelte und sank bewusstlos neben ihm zu Boden.
   Gorlog zückte sein scharfes Messer und stach es in die Brust des Kriegers. Mit einem letzten Röcheln erlosch auch das Leben dieses Wachmanns. Gorlog war mit sich zufrieden. Er zerrte die Toten an die Seite und setzte sie aufrecht an die steinerne Mauer. Anschließend drückte er jedem seinen Speer in die Hand. So sah es für andere aus der Ferne aus, als seien die toten Wachleute im Dienst eingeschlafen.
   Der Weg war nun frei.
 
   Gorlog schlich an das große, hölzerne Tor, dass sich hier auf der Nordseite befand. Er versuchte es zu öffnen. Doch das Schloss war verriegelt. Morodan hatte ihm vorsorglich gezeigt, wie er die Türen trotzdem lautlos aufriegeln konnte und ihm ein schmales Stück Eisen gegeben. Es war dünn, länglich und am Ende rechtwinklig gebogen. Gorlog fingerte den Eisenstab in das Schloss des Tores. Das einfache Schließwerk knackte unter dem Druck des Eisens und die Verriegelung sprang auf. Gorlog drückte das Tor so weit auf, dass seine massige Gestalt hindurch passte. Leicht knarrend schwang es auf. Noch einmal blickte sich der Murdo-Cadhún um, entledigte sich dann seiner schweren, eisenbeschlagenen Stiefel und schlich schließlich in das Innere der Festung.
 
   Jetzt war Gorlog im nördlichen Trakt der Festung Cadválva. Der Thronsaal befand sich südlich von ihm. Hier, im hinteren Bereich, befanden sich die Wirtschaftsräume und die Zugänge zu den Verliesen und Kellergewölben. Es gab einen Hauptgang, von dem verschiedene kleinere Gänge abzweigten. Er befand sich in einem dieser kleinen Gänge und musste nun diesem bis zum großen Hauptgang folgen. Sein Weg sollte ihn zu den Kammern der Würdenträger, vieler Hauptmänner, und des Königs führen. Diese Kammern befanden sich im östlichen Teil der Festung, während die Räume der einfachen Krieger und Bediensteten im Westsektor untergebracht waren. In seinem Kopf entrollte sich der Plan dieser labyrinthischen Anlage. Er suchte die Kammer des Marschalls der Mark, dem höchsten Würdenträger Asturiens gleich nach dem König und seinen Erben. Gorlog schlich eilig den Gang entlang. Die Fackeln waren alle gelöscht. Es war so dunkel, dass er kaum seine Hand vor den Augen sehen konnte. Er fand den gesuchten Abzweig nach rechts zum Hauptgang ohne Probleme und folgte diesem.
   Nun passierte Gorlog die ersten Türen, die in verschiedene Kammern führten. Er lauschte; alles war ruhig. Mit lautlosen Schritten folgte er dem Verlauf des Weges bis er den großen Hauptgang erreichte. Hier brannten zu dieser Zeit nur wenige Fackeln. Auf den Türen, die von diesem Gang abzweigten, waren Wappen angebracht. Symbole und Zeichen derjenigen, die diese Kammern bewohnten. Hier war er richtig.
 
   Leise schlich Gorlog an den Türen vorbei und stoppte jäh, als er an der Kammer Tharodrims angekommen war. Auf dieser befand sich das Zeichen des hohen Würdenträgers: ein sich aufbäumendes Pferd unter drei Sternen. Das war die Kammer des Marschalls der Mark. Hinter dieser Tür würde er nun den Verräter Asturiens finden.
 
   Heimlich und ohne ein Geräusch zu verursachen, öffnete er die Tür und verschwand in der Dunkelheit der Kammer. Gorlog brauchte kein Licht um sich lautlos fortzubewegen. Seine sensibilisierten Sinnesorgane wiesen ihm den Weg. Er hörte die ruhigen Atemzüge des Schlafenden. Geschwind sprang er an dessen Schlafstatt. Er legte seine riesige Pranke in das Gesicht des Menschen und hielt ihm den Mund zu. Tharodrim fuhr erschrocken auf und versuchte mit wilden, aufbäumenden Bewegungen den Koloss abzuwehren. Doch seine Bemühungen waren vergebens. Den kräftigen Ork konnte er nicht abschütteln. 
   "Still, Verräter!", fauchte ihn Gorlog an.
Sofort stoppten Tharodrims Bewegungen und er hielt in seinen Bemühungen inne. Wer war der Kerl in seinem Rücken, der ihn als Verräter entlarven wollte?
   "Ob ich Freund bin oder Feind, entscheidet ihr selbst!", sprach Gorlog weiter. "Mir ist bekannt geworden, dass ihr wünscht, Herr von Asturien zu werden. Ich bin hier, um euch dabei zu helfen. Eure Dankbarkeit entscheidet über Leben und Tod!", sprach Gorlog zischend und ließ seine Hand vom Mund des alten Kriegers gleiten.
   "Wie kommt ihr darauf, dass ich Herr von Asturien werden will? Und wie kommt ihr in diese Kammer? Ich kann euch verhaften und einkerkern lassen!"
   "Das glaube ich wohl weniger! Bevor eure Wachen hier eintreffen, seid ihr tot und ich bin verschwunden!"
   "Was wollt ihr von mir?"
   "Ich will gar nichts von euch. Doch mein Herr, ein großer, weiser Meister des dunklen Zaubers, weiß von euren strebsamen Bemühungen nach Macht in diesem Land. Er ist der Meinung, es sei nun an der Zeit, dass sich der wahre Herr von Asturien erhebt! Er schickt mich, euch hierbei zu unterstützen!"
   "Fürwahr, euer Herr spricht klug. Doch ich kann meine Angelegenheiten sehr wohl selbst regeln. Eure Hilfe ist nicht willkommen!"
   "Nun, das sieht mein Herr ganz anders. Bald schon wird Eomenric hier eintreffen und der andere, dreckige König aus dem Süden. Dann ist es vorbei mit eurer Macht hier in diesem Land!"
   "Ihr irrt euch gewaltig. Die Könige kämpfen weit nördlich von hier, in Carrúmh, gegen die Übergriffe der riesigen Wölfe."
Gorlog lachte grunzend und grollendes Gurgeln entfuhr seiner Kehle.
   "Wie mir scheint, habt ihr die neueste Kunde wohl noch nicht erhalten? Ihr könnt sicher sein, dass das große Heer im Anmarsch ist!"
   "Woher wollt ihr das wissen?"
   "Sagte ich noch nicht, dass mein Herr ein mächtiger Zauberer ist? Sein Wissen übersteigt bei weitem den Horizont des Euren und seine Macht reicht weiter, als ihr denkt. Er weiß alles und er sieht alles!", flüsterte Gorlog geheimnisvoll. "Es würde mich schwer wundern, wenn er nicht auch jetzt bei uns wäre. Er sieht uns hier und beobachtet dein Tun genauestens. Oder was glaubst du, woher ich wusste, dass du nach mehr Macht strebst, als dir zusteht, Verräter! Du und dein missratener Bruder Pheleon, ihr steckt tief im Dreck. Es ist sehr unhöflich die Dämonen fortzuschicken und ihre angebotene Hilfe abzulehnen, wusstet ihr das nicht?"
 
   In Tharodrims Kopf arbeitete es fieberhaft. Dieser fremde Herr musste sehr mächtig sein. Woher sonst sollte dieser Mensch so gut Bescheid wissen? Und warum sollte er sich nicht mit so einem starken Zauberer verbünden? Wenn er ihm die Macht in Asturien gewährte, war ihm jedes Mittel recht! Sein Verlangen nach dem Thron war übermächtig geworden. 
   "Nun gut!", sprach Tharodrim, "berichtet eurem Herrn, dass ich willens bin, seine Hilfe anzunehmen. Die Macht in Asturien soll jedoch ausschließlich mir vorbehalten sein!"
Gorlog lachte dreckig.
   "Mein Herr könnte sich die Macht hier beliebig nehmen, wenn er wollte. Doch ihr habt Glück. Er will dieses unbedeutende, unansehnliche Land nicht für sich allein."
   "Dann ist es ja gut!", murmelte Tharodrim.
   "Aber umsonst gibt es die Dienstleistung meines Meisters nicht!"
   "Und was verlangt er?"
   "Mein Herr erwartet, dass ihr seine Streitmacht mit den schnellen Pferden Asturiens ausrüstet und dass ihr ihm die Treue schwört!"
   "Das ist alles? Es wäre mir ein Leichtes, diese Forderungen zu erfüllen. Doch was ist, wenn ich mich widersetze?"
   "Nun, dann seid ihr nur eine sehr kurze Zeit Herrscher dieses Landes!"
   "Gut", flüsterte Tharodrim zerknirscht. "Ihr könnt von Glück reden, dass ich euch brauche!"
   "Ganz falsch", fauchte Gorlog zurück. "Ihr könnt von Glück reden, dass mein Herr an eurer durchtriebenen Art und Kaltblütigkeit Gefallen gefunden hat."
 
   Der schlechte Atem Gorlogs wehte Tharodrim durch die Nase und eine Kälte fuhr durch seine Glieder, dass ihn fröstelte. Merkwürdige, zischende Geräusche entfuhren dem Wesen hinter ihm. Tharodrim erhob sich und ging zu einer kleinen Nische. Er entzündete eine Fackel, ging hinüber zum Kamin und entfachte dort das Feuer. Dann drehte er sich zu dem Eindringling um.
   Im Halbdunkel erblickte er einen riesigen, dunkelhäutigen Murdo-Cadhún. Die gelben, groben Reisszähne traten etwas aus dem grobschlächtigen Maul hervor. Die kleinen Augen glitzerten schwarz in der Nacht und funkelten ihn an. Tharodrim fuhr der Schreck in die Glieder. Für einen Moment war er sprachlos. Entsetzt blickte er in das Gesicht des hässlichen und gefährlichen Orks. War er verrückt geworden? Er war drauf und dran, sich mit den verhassten Feinden der freien Völker zu verbünden! Er musste wahnsinnig sein. Doch jetzt war es zu spät. Dieser Ork sah nicht danach aus, als ob er zum Spaßen aufgelegt sei. Dass er noch lebte, lag wahrscheinlich einzig und allein daran, dass sein dunkler Herrscher Interesse an ihm fand. Tharodrim hatte keine Wahl. Er schob seine letzten Bedenken beiseite, trat zu dem Ork und reichte ihm zur Bekräftigung des neuen Bündnisses die Hand.
   Gorlog drückte außerordentlich fest zu. Tharodrim verzog sein Gesicht vor Schmerzen. Nachdem Gorlog endlich seine Hand freigab, bat er ihn hinüber zum Kamin. Sie blickten beide ins Feuer. Nach einem Augenblick des Schweigens fragte Tharodrim interessiert:
   "Wer ist euer mächtiger Herr?"
   "Ihr werdet es noch früh genug erfahren."
Gorlog fingerte in seiner schmutzigen Tasche nach einem Stück Eisen. Es war so groß wie ein schmaler Unterarm mit einem trichterförmigen Flachstück in der Größe einer Faust auf der einen Seite. Dieses Eisen legte er mit dem dickeren Ende in die Glut des Kaminfeuers.
   "Was macht ihr da!"
   "Wisst ihr, für mein Dafürhalten fragt ihr zuviel."
Tharodrim schloss seinen Mund und starrte auf das Metall, welches sich allmählich in der Glut verfärbte.
   "Wenn Eomenric kurz vor Vollmond an den Hof zurückkehrt, muss alles geplant sein", sprach Gorlog, während er das Stück Eisen in der Glut des Feuers drehte.
   "Das wäre ja schon in fünf Tagen. So nah ist das Heer?"
   "Ja, so nah! Die odhrainischen Krieger werden sich hier aber nicht allzu lange aufhalten. Immerhin wurde Tol Dalarna angegriffen und der dortige Herr erwartet die Rückkehr des Königs!"
   Tharodrim nickte. "Ich habe davon gehört. Ein Kurier gelangte an diesen Hof und berichtete von dem Überfall."
   "Hier wurde euer Verrat zum ersten Mal offenbar."
   "Wie meint ihr das?"
Gorlog sah Tharodrim in die Augen und blickte ihn geringschätzig an.
   "Stellt euch nicht dümmer, als ihr seid. Ihr wolltet diesen Kurier töten!"
   "Meine Männer haben das erledigt!"
Gorlog schüttelte den Kopf.
   "Nein, das haben sie nicht! Das ist auch einer der Gründe warum Eomenric an diesen Hof und Valmeron nach Odhrain zurückkehrt! Der Kurier hat das Lager am Morquart Wald erreicht. Sie wissen nun, dass die Stadt mit den sieben Ringen überfallen wurde."
   "Wissen sie von dem Verrat?", fragte Tharodrim sichtlich nervös.
   "Nein, bisher nicht!"
Tharodrim atmete wieder ruhiger. Gorlog blickte voller Verachtung auf den alten Marschall, dann sagt er:
   "Vor den Toren der Stadt lagert ein mittleres Heer orkischer Krieger. Sie warten auf meine Befehle. Sobald unser Gespräch beendet ist, werde ich euch verlassen. Meine Gefolgsleute sende ich dann in die nördlichste Region Asturiens, nach Tauronal. Dort werden sie einige Dörfer überfallen und plündern. Es wird so aussehen, als ob versprengte Orkeinheiten aus dem Wintergebirge den Überfall begangen haben. Zeitgleich wird Eomenric an diesen Hof zurückkehren. An diesem Tag sehen wir uns noch einmal. Nach dem großen Festgelage, drei Glockenschläge nach Mitternacht, treffen wir uns in der verfallenen Ruine des Herrenhauses. Dort besprechen wir die letzten Dinge, die nötig sind, euch den Weg auf den Thron zu ebnen. Ein Kurier wird in dieser Nacht euren Hof erreichen und melden, dass Ostkelte überfallen wurde. Ihr sorgt dafür, dass Eomenric dorthin reitet und verschafft euch somit freie Hand. Findet unter den heimgekehrten Kriegern so viele Anhänger wie nur möglich. Während der Abwesenheit des Königs sollte dies ohne Probleme vonstatten gehen. In der darauffolgenden Vollmondnacht steht mein Heer bereit und Eomenric wird gestürzt. Danach werdet ihr König von Asturien sein."
 
   Tharodrim fühlte sich plötzlich erregt, als dieser grobschlächtige Ork vom Niedergang Eomenrics sprach und ihn als zum neuen Herren dieses Landes deklarierte. Nun dauerte es nicht mehr lange und er konnte sich seines Widersachers entledigen.
   Während Tharodrim schon das Gefühl auskostete, Herrscher dieses Landes zu sein, griff Gorlog nach dem glühenden Eisen.
   Ehe sich Tharodrim versah, riss ihm Gorlog das Hemd von der Schulter und rammte den rot glühenden Bolzen auf dessen nackte Haut. So brannte er ihm die schwarze Hand unwiderruflich auf die Schulter.
   Gorlog lachte dreckig. "Es ist das Zeichen deines neuen Herrn! Halte es in Ehren!"
Es zischte und der Qualm von verbranntem Fleisch stieg Tharodrim in die Nase. Es war das Letzte an das er sich erinnern konnte, bevor er ohnmächtig wurde.