DIE BELAGERUNG
 
 
 
 
 
                                                                       Meoseld ritt bis zur Ailanthusbrücke, die er am frühen Morgen erreichte. Der Waldläufer traf dort einen alten Bekannten, Brolano Grasbert, der ihn sofort erkannte. Freudig eilte er ihm entgegen. Meoseld ließ sich vom Rücken Feuermähnes gleiten und begrüßte ihn. Dann berichtete er von dem, was geschehen war, als sie ihn nach dem mysteriösen Vorfall verlassen hatten. Brolano wusste bereits, dass sie seinen Bruder weiter südlich am Großen Strom gefunden und eine würdige Grabstätte errichtet hatten. Mit Hilfe einiger Tobbies hatte er ihn umgebettet, so dass er nun friedlich in der Nähe der Ailanthusbrücke seine letzte Grabstatt gefunden hatte. Brolano war der Ansicht, dass dies wohl am ehesten den Wünschen seines Bruders Gorlando entsprach und war erfreut, dass ihm der Waldläufer trostspendende Worte zukommen ließ und bedankte sich vielmals. Die Trauer, hervorgerufen durch die Erinnerungen, verdunkelte für kurze Zeit sein sonst eher heiteres Gesicht. Der Schmerz und etliche Kummerfalten runzelten seine Stirn. Doch schnell legte sich der getrübte Ausdruck und wurde durch ein freundliches Lächeln ersetzt.
   Brolano schwatzte ohne Unterlass über viele Geschehnisse der vergangenen Zeit. Doch Schreckensnachrichten waren dies nicht. Meoseld war aber an Auskünften anderer Art interessiert und so fragte er gerade hinaus: "Sagt mal, mein lieber Hüter! Sind euch erst kürzlich Wölfe begegnet oder ist euch Kunde zu Ohren gekommen, dass welche gesichtet wurden?"
   Brolano lachte. "Wölfe? In den Rainländern? Nein, Herr Waldläufer! Hier gab und gibt es keine!"    Meoseld wog bedächtig seinen Kopf. >Wenn die Wölfe es auf die Rainländer abgesehen hatten, so mussten sie über diese Brücke kommen? Oder sie wagten den gefährlichen Weg durch den Großen Strom!< Aber er erwartete weniger, dass sich die Wölfe in die reißenden Fluten wagen würden. Doch völlig ausgeschlossen war es nicht. Er sah von der Brücke hinab in die gurgelnden, braunen Fluten, die ein breites Flussbett geschaffen hatten und deren Wasser trüb und zähfließend nach Süden strömte.
   "Brolano", sprach er und blickte dabei dem Hüter tief in die Augen. "Ich verfolge diese riesigen Wölfe, nach denen ich euch befragt habe. Eigentlich müssten sie sich hier in der Nähe herumtreiben!"
   "Wölfe? Hier in der Nähe?" Brolano sah Meoseld ungläubig an.
   Meoseld nickte ernst. "Nehmt euch vor ihnen in acht! Sie sind sehr gefährlich, äußerst aggressiv und voller böser Kräfte. Geht kein Risiko ein und flüchtet in euer Wachäuschen, wenn ihr sie kommen seht! Wäre doch schade um so einen netten Wachmann wie euch, nicht wahr?"
   Brolano blickte sich ängstlich um und versprach, vorsichtig zu sein und auf sich aufzupassen.
   Dann sprach der Hüter noch ein wenig über belanglose Dinge, das Wetter und von mehr oder weniger bedeutenden Tobbies. Meoseld hörte aus Höflichkeit zu, bevor er sich verabschiedete und den Weg nach Rainburg einschlug. Rasch galoppierte er von dannen und die wilde Haarpracht von Feuermähne wehte im Wind, der kräftig aus Süden blies und eine warme Brise mit sich brachte. Der Himmel war wolkenverhangen und die Sonne schien nur an wenigen Stellen durch die blauen Lücken am nur langsam aufklarenden Firmament. Meoseld wurde zunehmend unruhiger und er hoffte, dass die Wölfe den langen Quercus noch nicht durchbrochen hatten.
  
   Als er zur Mittagszeit den Weg zum Alten Schloss hinaufritt, herrschte im Ort reges Treiben. Viele Tobbies standen an der Rainburger Fähre, um sich auf das andere Ufer übersetzten zu lassen. Sie hatte Eggen, Sensen und andere Ackergeräte bei sich. Auf der anderen Seite waren große Gemüse- und Getreidefelder, die von den Tobbies bestellt wurden. Ein bunter Haufen drolliger Geschöpfe, deren Gezeter und Lachen bis zu seinen Ohren drang. Ohne unnötig Zeit zu verlieren, ritt er auf dem direkten Weg zum Alten Schloss, zur Höhle des Amtmanns des Ost-Rainlands. Als er dessen Tobbiehöhle erreicht hatte, klopfte er kräftig an die runde Eingangspforte.
   Von drinnen hörte er ein schmatzendes: "Komme gleich!"
   Meoseld trat einen Schritt zurück. Er war seit eineinhalb Jahren nicht mehr in Rainburg gewesen. Hier war die Zeit stehen geblieben. Nichts hatte sich verändert. Im kleinen Vorgärtchen vor Muspys Wohnstatt standen ein paar prächtige Blumenkübel, in denen zarte Pflanzen gediehen. Ein kleines Kräuterbeet war zu seiner Linken angelegt und am Rand wuchsen kleine Sträucher, die in verschiedenen Farben blühten. Um das Gärtchen war ein kleiner Holzzaun gezogen, der kunstvoll mit Schnitzereien verziert war. Alles wirkte ruhig und idyllisch. Hier waren die Wölfe auf keinen Fall gewesen, denn das fröhliche Lachen vieler Kinder schallte aus dem Dorf zu ihm herüber und das sorglose, geschwätzige Geplapper der Tobbies.
   Die Tür öffnete sich und ein kauender Muspy stand mit zerzausten Haaren vor ihm. Als er den Waldläufer erkannte, erhellte sich sein Gesicht. "Kommt rein!", sprach er und winkte Meoseld zu sich in den Tobbiebau.
   Meoseld zog den Kopf ein und betrat die Behausung von Muspel Sandmann. Eine chaotische Unordnung herrschte im Raum. Muspy schob den Waldläufer zu einem Stuhl und bat ihn, Platz zu nehmen. "Hunger?", fragte er mit einem Grinsen auf dem Gesicht.
   Meoseld winkte lachend ab und noch bevor er etwas sagen konnte, stellte Muspy ihm und sich selbst einen Krug Bier auf den Tisch. Geschwind folgten Brot und Honig, Obst und Gebäck. Dann griff sich der Tobbie einen Apfel, biss hinein und schmatzte: "Wenn ihr mich in meinem bescheidenen Heim aufsucht, ist es nicht Müßiggang, der euch zu mir führt, nicht wahr? Ihr bringt schlechte Nachrichten, stimmts?", fragte Muspy und spülte die zerkleinerten Apfelstückchen in seinem Mund mit dem süffigen Gebräu herunter. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Mund ab und sah Meoseld erwartungsvoll an.
   "Ich jage Wölfe!", sprach Meoseld langsam.
   "Wölfe, aha!" Muspy war enttäuscht. "Ich dachte, es wäre etwas mehr los."
   "Oh, die Wölfe sind nicht zu verachten. Sie sind größer als eure Ponys und treten in einem Rudel von mindestens zehn Tieren auf."
   Muspy pfiff durch die Zähne. Dann schüttelte er den Kopf. "Also hier in Rainburg sind sie nicht, im Ost-Rainland und dem Rest der Rainländer auch nicht. Sie kommen gar nicht durch den langen Quercus."
   Meoseld schüttelte bedächtig seinen Kopf. "Da wäre ich mir nicht so sicher. Vor einigen Tagen haben wir gegen sie gekämpft und konnten nur mit Müh´und Not drei Tiere töten. Unsere Verluste waren hoch." Meoseld dachte noch einmal an den Vorfall am Grünen Strauchweg und unendliche Trauer bewegte ihn. Er sah wirklich betrübt aus und ein Zucken huschte durch sein Gesicht, als er fortfuhr: "Der Kampf kostete dreißig Zwergen und Tharbath das Leben." Dann senkte er seinen Blick zu Boden und das Sprechen fiel ihm schwer. "Wir konnten nichts gegen sie tun und mussten zusehen, wie sie unsere Gefährten zerfleischten."
   Muspy kippte das Kinn nach unten und starrte Meoseld mit offenen Mund fassungslos an.
   "Und diese Bestien treiben sich hier in der Gegend herum?", fragte er verunsichert und zappelte unruhig auf seinem Stuhl umher.
   "Arodan holt bereits Verstärkung aus Astúrien", sprach Meoseld beruhigend auf Muspy ein.
   "Ja, bis die da sind, haben die Biester hier doch alle gemeuchelt", rief Muspy. "Ich werde Bertel informieren müssen und Danilas Dragos, den Amtmann von Mühlberg und Steintal und wen sonst auch immer." Muspy war ziemlich aufgeregt und sprang vom Stuhl, um sich ungelenk seinen Mantel überzuzerren.
   "Kommt!", rief er zu Meoseld.
   Schnell kippte der Waldläufer sein Gerstenbräu die Kehle herunter und erhob sich. Der Besuch war reichlich kurz gewesen. Doch sie durften keine Zeit verlieren. Sie schritten den Weg vom Alten Schloss herunter. Die Wolken hatten sich nach Norden verzogen und die Sonne schien friedlich auf die Häuser Rainburgs. Selbst der Große Strom Ailanthus wirkte weniger beängstigend und sein Rauschen klang wie Musik. Von einer drohenden Gefahr war weit und breit nichts zu spüren oder gar zu sehen.
   Als sie im Dorf angekommen waren, blickte Meoseld den Tobbie an.
   "Ich kann euch nicht begleiten, werter Muspel Sandmann!", sprach er langsam. "In der Nähe des Morquart Waldes muss ich nach Spuren suchen. Doch denke ich, dass ihr die Büttel, die Ordnungshüter der Rainländer und die Bürger aller umliegenden Orte umfangreich informieren solltet und ihnen vorschlagt, sich rasch zu bewaffnen. Eine Landwehr, die sich erfolgreich mit Waffen verteidigen kann, solltet ihr umgehend aufbauen. Ich denke, ein Speer dürfte die effektivste Verteidigung gegen die Wölfe sein." Damit endete sein guter Rat. Mitleidvoll sah er Muspy in die nervös und unruhig flackernden Augen. >Im Falle eines Angriffes haben sie keine Chance, dachte er betrübt.<
   Sie waren den Ungeheuern nicht gewachsen und er sah noch einmal den Schrecken und das Gemetzel gedanklich an seinem inneren Auge vorbeiziehen. Er verscheuchte diese furchtbaren Gedanken und blickte den Tobbie zuversichtlich an. Dann verabschiedete er sich herzlich von Muspel und bat ihn, Grüße an Bertelgard Blauhaar auszurichten. Meoseld schmunzelte, als er an die verrückte Idee dieses Tobbies dachte, eine Taube als Kurier abzurichten.
 
   Muspy hatte es nun eilig, holte sich sein Pony aus dem örtlichen Paddock und zerrte es hinter sich her. Meoseld hatte den Eindruck, dass es nur wenig Lust hatte, mit seinem Herrn zu gehen, herausgerissen aus der mittäglichen Ruhe. Doch schließlich wurde es ein wenig williger und Muspel rannte mit dem störrischen Tier zur Rainburger Fähre.
   Die Tobbies machten ihrem Amtmann sofort Platz und dieser ließ sich ans andere Ufer hinübersetzen.
   Meoseld drehte den kleinen eisernen Schlüssel in der Hand, den ihm Muspy übergeben hatte.
   "Verliert ihn bloß nicht und lasst um Himmels willen die Türe nicht offen!" Mit diesen und ähnlichen Worten hatte er ihm den Schlüssel anvertraut, welcher das vergitterte Tor unter dem langen Quercus öffnete. Meoseld ritt den Berg hinauf zu der großen Hecke, die sich wie ein Schutzwall entlang der östlichen Rainländer erstreckte. Von hier oben hatte man eine tolle Aussicht auf die Rainburg und den Großen Strom Ailanthus, der sich wie ein gewundenes, braunes Band durch das fruchtbare Land schlängelte. Am langen Quercus ritt er entlang, bis er zu einer mannshohen, breiten Vertiefung kam, die unterhalb der Hecke hindurch führte. Meoseld stieg von seinem Pferd und betrat den dunklen Gang. Am anderen Ende war ein schweres Eisengitter, das mit einem derben Schloss verriegelt war. Dort angekommen, fingerte er den Schlüssel in das vorgesehene Loch. Es knackte und knarrte. Es schien, als sei seit Ewigkeiten das Tor nicht mehr benutzt worden. Quietschend öffnete es sich. Meoseld schritt mit Feuermähne hindurch und verriegelte es sorgfältig von der anderen Seite. Dann stieg er auf sein Pferd und ritt an der Hecke südwärts.
   Zwischen dem langen Quercus und den Morquartbäumen befand sich ein breites Band von Sträuchern und abgestorbenen Baumstümpfen. Das Gras war sehr hoch gewachsen. Seit Jahren weilte hier keine Seele mehr. Mit unguten Gefühlen beobachtete er den Wald. Die Morquarts schwangen ihre ausladenden Äste hin und her. Drohend peitschten sie ihre Zweige in seine Richtung. Willkommen war er hier nicht und seine Anwesenheit war sichtlich unerwünscht. Moeseld fragte sich, ob sich die Bäume auch so feindselig gegenüber den Wölfen verhielten. Er lauschte, aber außer dem Rauschen ihrer Wipfel und feinem Vogelgezwitscher konnte er keine verdächtigen Laute vernehmen. Meoseld ließ sein Pferd im Schritt gehen und grasen. Besonders eilig hatte er es nicht. Suchend blickte er in den Morquart Wald.
   Langsam kamen sie voran. Feuermähne ertastete vorsichtig einen Weg durch das unwegsame Gestrüpp. Dornensträucher zerrten an Meoselds Mantel. Er befühlte mit seiner Hand den Griff seines Schwertes. Selbst am helllichten Tag war es hier unheimlich.
   Viele Tage brauchte er, um die kurze Strecke von fünfzehn Meilen zurückzulegen. Stets blieb er wachsam und sein Nachtlager schlug er immer in der Nähe des langen Quercus auf. Meoseld war sehr erleichtert, als er endlich das Ende des Morquart Waldes erreichte hatte. Dort endete auch die Hecke. Feuermähne und er stillten ihren Durst am schillernden Flüsschen. Am anderen Ufer konnte er ein kleines Tobbiedorf erkennen. Nur der Große Strom Ailanthus trennte ihn von den Behausungen auf der anderen Seite.
   An diesem Tag schlug Meoseld sein Lager an dem Flüsschen auf und badete in den kalten Fluten. Seine Kleider schwang er in dem Wasser hin und her und reinigte sie. Schmutz klebte an ihnen und das Blut der Wölfe. Dann legte er sich in die Sonne und lauschte dem Rauschen des Flusses und den Klängen des Waldes. Allmählich wurden ihm die Augenlider schwer und er begann zu träumen. Er dämmerte dahin und schlief schließlich ein.
   Als er erwachte, war er zutiefst erschrocken. Die Sonne hatten einen großen Bogen gemacht. Statt nur kurz, hatte er mehrere Stunden geschlafen. Das war ein gefährlicher Fehler. Hektisch sah er sich um. Aber alles war friedlich und daher beruhigte er sich langsam. Einige Haufenwolken zogen noch immer über ihn hinweg und fröhliche Laute drangen fein, getragen vom schwachen Wind, zu ihm herüber.
   Seine Kleider waren getrocknet und rasch zog er sie an. Nun würde er an der südlichen Grenze des Morquart Waldes entlang ziehen und bis zum Grünen Strauchweg reiten. Mehrere Tage brauchte man bis dorthin, auch mit einem schnellen Pferd, wie Feuermähne. Die Gegend war nicht ganz ungefährlich. Die Grabwichte hausten in den Steinbergen. Aber er musste dorthin, denn die Reiter aus Asturien wollte er dort erwarten. Meoseld aß ein paar von den Waldbeeren, die hier zahlreich wuchsen. Dann schwang er sich auf den Rücken seines geliebten Pferdes und trieb es sanft ins Wasser. Mit vorsichtigen Bewegungen durchschritt sein Hengst das schillernde Flüsschen. Der Bach war am Rand zu einem breiten See aufgestaut und daher recht breit. Feuermähne versank bis zum Bauch in den gemäßigten Fluten. Sein vortreffliches Reittier geleitete Meoseld jedoch sicher ans andere Ufer. Das Wasser war hier glücklicherweise nicht reißend, sondern zog gemächlich dem Großen Strom entgegen.
   Meoseld war jetzt mehr als zwei Wochen unterwegs. Sein Gefährte Arodan hatte Astúrien sicher schon erreicht und kam ihm mit mutigen Kämpfern zu Hilfe geeilt. Unablässig beobachtete er den Wald, doch die Wölfe blieben wie vom Erdboden verschluckt und ließen sich nicht mehr sehen.